Ist es Feigheit?

Heute habe ich von einer nahen Verwandten erfahren, dass ihre Operation zum zweiten Mal verschoben werden musste, weil Betten und Personal für Covidpatienten gebraucht werden. So weit so ungut. In heftiger Diskussion und Empörung war immer wieder von den «Covidioten» die Rede, die in narzisstischer Manier auf eine Impfung verzichten und bei einer Erkrankung favorisiert in Pflege aufgenommen werden. Empörung und Ärger kann ich gut nachvollziehen. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: Wer bestimmt, dass nicht geimpfte Covidler prioritär behandelt werden müssen? Es gibt eine zunächst vernünftig klingende Regel, dass jene, die akuter in Lebensgefahr sind oder bessere Heilungschancen haben, den Vorzug haben. Im Falle der Nichtgeimpften wird die Regel in gewisser Weise ad absurdum geführt. Das sehen alle, mit denen ich diskutiert habe, ein und wenn man dazu die Empörung über diese Regel immer wieder liest, denken viele wie ich. Aber stellen sie sich vor, man würde diese Regel in dem Sinne ändern, dass Nichtgeimpfte  den Anspruch auf Priorität verlören. Impfgegner würden auf die Barrikaden. Diese tobende Minderheit würde drohen und bedrohen und die Medien würden sich verbal in den heftigsten Meinungen sonnen. Aufruhr wäre gewiss. Ganz anders sieht es bei jenen aus, die ihre Operation aufschieben müssen: Sie sind betrübt, verängstigt, unsicher, wie und wann es weiter geht. Aber es gibt keinen Zusammenschluss der Operationsverschobenen, keine Stimme für sie. Sie bedrohen niemanden, ziehen keinen zur Verantwortung ausser in ihrem Ärger über die Nichtgeimpften.

Wenn es tatsächlich so ist, dass alle Massnahmen, die ergriffen werden, nur dem einen Ziel dienen, die Überlastung der Spitäler zu verhindern, gäbe es doch die Möglichkeit, statt andere Patienten zu vertrösten, Nichtgeimpfte nachrangig zu behandeln. Es ist ihr legitimes Recht, sich nicht impfen zu lassen aber dann die Konsequenzen zu tragen. Nur wenn es keine solche Konsequenzen gibt, muss sie auch keiner tragen.

Ich frage mich nun, weshalb die Legislative nicht die Regeln den Umständen anpasst. Das häufig als «ethisch» postulierte Argument, dann müsste man auch bei Adipositaspatienten u.Ä so vorgehen, ist keine Entschuldigung. Niemand entscheidet sich bewusst: Ich will fett werden.» Als Antwort auf die Frage habe ich eine Vermutung: Die Vertreter der Legislative sind zu ängstlich, zu feige, zu raffiniert oder zu politisch oder alle vier zusammen. Mit fadenscheinigen Argumenten der Zuständigkeitsklärung bedauern sie den status quo. Ich weiss von keinem Vertreter der Legislative oder der Exekutive, dass er sich für eine Regeländerung stark macht. Das ist unendlich bedauerlich und ich wünschte mir einen mutigen Legislativler oder eine Legislativerin, der oder die den Mut, die Kraft und die Kompetenz hätte, die gültigen Prioritäten in die notwendigen Bahnen zu leiten. Würde man sie oder ihn Coviddiktator nennen, empfände ich es als gratulierbare Auszeichnung.

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