Ja, ja, die Haltung…

Peter Fratton

Kaum ein Begriff hat sich in den letzten Jahren so hartnäckig in pädagogische Diskurse eingeschlichen wie „die Haltung“. Wer ihn verwendet, gilt als reflektiert, menschenfreundlich, moralisch wach. Haltung zeigen – das klingt nach Rückgrat, nach Ethik, nach Tiefe.

Doch gerade weil sich scheinbar alle auf die Bedeutung der Haltung einigen können, droht sie zur pädagogischen Nebelkulisse zu werden, denn was meinen wir eigentlich, wenn wir Haltung sagen? Und: Reicht es, sie zu haben? Oder gar nur – sie zu behaupten?

Zu oft bleibt Haltung in wohlklingenden Worten stehen, ohne konkrete Folgen für das tägliche Handeln. Sätze wie „Der Mensch steht im Mittelpunkt“, „Wir begegnen Kindern auf Augenhöhe“ oder „Fehler sind Lernchancen“ klingen sympathisch und finden breite Zustimmung. Doch gerade weil niemand ihnen widersprechen kann, bleiben sie unverbindlich. Sie sagen viel – und bedeuten oft wenig. So wird Haltung zu einer Art Tarnkappe: Anstatt uns zur Verantwortung zu führen, verdeckt sie diese. Sie vermittelt das Gefühl, auf der „richtigen Seite“ zu stehen – ohne dass daraus zwingend ein verantwortungsvolles Tun entsteht. Haltung zeigt sich nicht im Leitbild, nicht auf dem Plakat oder der Homepage, nicht im Fortbildungsmodul.
Sie zeigt sich dort, wo es schwierig wird und Handlung gefordert wird:
– wenn ein Kind stört,
– wenn Eltern fordern,
– wenn Kolleg*innen anders arbeiten,
– wenn Systeme nicht mitspielen
Haltung ist kein Zitat – sie zeigt sich erst und ausschliesslich im Tun.

Die Grenzen der Haltung: Wenn gute Absicht nicht genügt

Doch selbst dort, wo Haltung ehrlich reflektiert ist und sich im Alltag zeigen will, tritt ein zweites Problem zutage: Die beste Haltung nützt nichts, wenn sie nicht von allen geteilt wird.
In pädagogischen Teams kann es geschehen, dass einzelne KollegInnen mit bewundernswerter Überzeugung, mit tiefer Beziehungskompetenz und aufrichtiger Menschlichkeit agieren – und damit dennoch Reibung erzeugen, Verwirrung auslösen, manchmal sogar Unmut ernten. Nicht, weil ihre Haltung falsch wäre, sondern weil sie nicht eingebettet ist in ein gemeinsames Verständnis, ein gemeinsames Handeln, eine geteilte Verantwortung.
Was für die eine selbstverständlich ist, wirkt für den anderen wie Grenzüberschreitung.
Was dort als Freiheit gilt, erscheint hier als Beliebigkeit. Was von einer Haltung getragen ist, wird andernorts als Bruch der Lojalität erlebt.
So kann Haltung – paradox, aber real – trennen statt verbinden.

Von der individuellen zur gemeinsamen Haltung

Was pädagogische Teams brauchen, ist deshalb nicht nur persönliche Haltung, sondern eine gemeinsame Haltung – ein gemeinsam gebautes Fundament, auf dem Verschiedenheit möglich bleibt, aber Verlässlichkeit entsteht.

Eine gemeinsame Haltung ist mehr als Konsens. Sie ist ein kollektives Versprechen und eine Forderung zu gemeinsamem Tun auf einer gemeinsamen Grundlage:
– Wir stehen füreinander ein.
– Wir handeln im selben Geist, auch bei unterschiedlichen Stilen.
– Wir haben ein gemeinsames Bild davon, was Lernen ist, was Kindern zusteht und was wir gemeinsam ermöglichen wollen. Dazu suchen wir tragfähige Grundlagen in Form einer gemeinsamen Haltung.
Gemeinsame Haltung entsteht nicht im Alleingang. Sie wächst im Gespräch, in der Achtsamkeit, im Verständnis für einander genau so wie in der Auseinandersetzung. Sie braucht Raum für Widerspruch – aber auch Mut zur Verbindlichkeit bis sie schliesslich das endgültige Handlungsfundament bildet, auf dem alles andere aufgebaut werden kann und an das sich alle, LernbegleiterInnen, LernpartnerInnen, Eltern und Schulleitung halten müssen.
Gemeinsame Haltung heisst nicht, alles gleich zu machen.
Es heisst: nicht gleichgültig zu sein, wenn es um Kinder geht.
Es heisst: gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, auch wenn der Weg offen bleibt.

Haltung ohne Team ist Rhetorik. Haltung im Team ist Wirkung.

Die Bildungswelt braucht keine weiteren Leitbilder mit Haltungssätzen, die alle unterschreiben und damit hat es sich.
Sie braucht pädagogische Teams, die zu einer gemeinsamen Haltung stehen, die sie entwickelt, ausgehandelt und gefestigt haben und die alles Tun im Alltag prägt. Nicht, weil das einfacher wäre, sondern weil alles andere zu wenig ist. Kinder brauchen keine HeldInnen mit Haltung. Sie brauchen Erwachsene, die gemeinsam tragen, halten und tun, was sie versprechen.

Die gemeinsame Haltung im Haus des Lernens

Wie zwei Grundannahmen (Axiome) und vier Postulate eine Kultur schaffen, in der Vertrauen, Zuneigung und Verantwortung gedeihen.

Im Haus des Lernens gründet alles auf einer gemeinsamen, geteilten Haltung, die nicht auf Meinungen oder Vorlieben basiert, sondern auf einem klaren axiomatischen Fundament. Dieses Fundament ist nicht verhandelbar. Es stellt keine These zur Diskussion, sondern bildet den unerschütterlichen Ausgangspunkt für Denken, Handeln und Zusammenleben. Wer die Konsequenzen aus den beiden Axiomen nicht mittragen kann oder will, leidet in einer für ihn ungeeigneten Umgebung.

Die zwei Axiome 

1. Lernen ist eine Existenzform des Menschen.
Lernen ist keine Fähigkeit, die erst erworben werden muss. Der Mensch lernt immer – bewusst oder unbewusst, äusserlich sichtbar oder innerlich verarbeitend. Lernen ist so grundlegend wie Atmen. Es kann behindert, aber nie vollständig unterbunden werde ohne dramatische Folgen. Daraus folgt: Wird Lernen problematisch, liegt eine Störung, eine Beziehungsdissonanz, eine Unter- oder Überforderung vor und es braucht uns als Helfer und nicht als pädagogische Besserwisser: „Er könnte schon, er ist nur zu faul…“

2. In jeder Umgebung geschieht das, was in dieser Umgebung angemessen ist.
Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Es ist Ausdruck der Bedingungen, unter denen Menschen sich bewegen. Wenn in einer Lernumgebung Aggression, Rückzug oder Desinteresse auftreten, sind diese Symptome Hinweise auf eine Dysfunktionalität im System selbst, nicht allein auf den Symptomträger. Die Gestaltung der Umgebung wird damit zur gemeinsamen Verantwortung.

Die vier Postulate – Regeln, die nicht verhandelbar sind

Respektvoller Umgang

  1. Wir gehen respektvoll um mit Menschen, Tieren, Materialien und unserer Umgebung.
  2. Wir achten auf Sprache, Mimik und Gestik. Sie zeigen, wie ernst wir andere nehmen.
  3. Wir greifen nicht in Lernprozesse ein, ohne gefragt oder eingeladen worden zu sein.
  4. Wir stellen Fragen, bevor wir urteilen – und zeigen echtes Interesse am Gegenüber.
  5. Respekt ist keine Anstandsregel – sondern eine aktive, situationssensible Fähigkeit. Er verlangt Empathie, Urteilskraft und Präsenz. Wo Respekt gelebt wird, entsteht eine Kultur der Achtung, jenseits von Kontrolle oder Normierung.

2. Autonomes Lernen    

  • Wir unternehmen alles, damit jeder Mensch seinen Lernweg autonom (autos; nomos = aus sich selbst heraus) gestalten kann.
  • Wir geben Orientierung, aber keine Steuerung, Unterstützung, aber ohne Kontrolle, Begleitung, aber keine Belehrung. Teilhabe, aber ohne Beibringen, Zeit für eigene Erfahrung, aber ohne Erklärungen.
  • Wir respektieren den individuellen Rhythmus und die Wahl von Inhalt, Form und Tempo.
  • Wir LernbegleiterInnen lernen selbst autonom – und reflektieren unser eigenes Lernen.


Alle Beteiligten – LernpartnerInnen wie LernbegleiterInnen – lernen eigenständig, selbstbestimmt und aus sich heraus. Autonomie bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Verantwortung für den eigenen Lernweg. Sie verlangt Vertrauen, nicht Steuerung; Orientierung, nicht Führung, sie evoziert Leistung ohne sie von aussen zu fordern.

3. Gestaltete Umgebung

  1. Wir gestalten menschliches Verhalten, Räume, Strukturen und Abläufe so, dass sie entspanntes Lernen ermöglichen und erleichtern.
  2. Wir erkennen Störungen nicht als Fehlverhalten, sondern als Signal für Umgebungsfragen.
  3. Wir tragen gemeinsam Verantwortung für Ordnung, Atmosphäre und die Einhaltung der Postulate und der Ordnungsprinzipien (Ordnungsprinzipien sind veränderbare Regeln-).
  4. Wir verändern Umgebungen nicht willkürlich, sondern gemeinsam, nachvollziehbar und mit bedacht.


Wir gestalten eine Umgebung, die dem Lernen Sinn und Richtung gibt. Sie ist menschlich, architektonisch, strukturell und organisatorisch so gestaltet, dass sie Gelassenheit, Effizienz, Zugehörigkeit und Entwicklung fördert. Alle tragen Verantwortung für diese Umgebung – nicht nur „die Leitung“.

4. Ins Gelingen verliebt sein

  1. Wir vertrauen auf die Entwicklungskraft in jedem Menschen – und zeigen das sichtbar.
  2. Wir freuen uns über Wachstum, Mut und neue Wege.
  3. Wir zeigen unsere Begeisterung für unser Arbeit, für das, was Kinder, Jugendliche und KollegInnen tun.
  4. Wir denken bei jeder Entscheidung vom Gelingen her – nicht vom Scheitern oder der Angst.
  5. Wir sind ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern (Zit. Ernst Bloch)


Die Grundhaltung aller Beteiligten ist getragen von einem radikalen Glauben an das Gelingen, welches aber auch misslingen darf. Es ist eine Haltung der Zuversicht, die sich in Zuwendung, Begeisterung und Vertrauen zeigt. Wer ins Gelingen verliebt ist, glaubt an das Potenzial der anderen – und an das eigene Wirken.

Textfeld: Was Peter Fratton unter einem Fraktal versteht
Ein Fraktal ist bei Peter Fratton keine mathematische Struktur, sondern eine soziale Organisationseinheit, die die Prinzipien des Ganzen im Kleinen lebt.
Es gilt: Was für das ganze System gilt, gilt auch im Einzelnen – auf allen Ebenen.
Fraktale zeichnen sich aus durch:
•	Selbstähnlichkeit: Die gleichen Axiome und Postulate gelten überall – in der Leitung wie in der Lerngruppe.
•	Eigenverantwortung: Entscheidungen werden eigenständig im Sinne der gemeinsamen Grundsätze getroffen.
•	Kommunikation statt Hierarchie: Fraktale stehen im Dialog, nicht in Befehlsstrukturen.
•	Wachstumsfähigkeit: Neue Einheiten können sich aus bestehenden heraus bilden, ohne Zentrale, aber mit gemeinsamer Haltung.
Fraktale Organisationen tragen das Ganze in sich – und entfalten Wirkung durch Kohärenz, nicht durch Kontrolle.


Fraktale Verbindlichkeit: Gemeinsame Haltung auf allen Ebenen

Was für die LernpartnerInnen gilt, gilt auch für die Lernbegleiter*innen.
Was im Team gelebt wird, muss auch in der Beziehung zu Kindern und Eltern spürbar sein.
Keine doppelten Standards. Keine pädagogische Zwei-Zonen-Kultur: Hier Kinder – hier Erwachsene.
Die Postulate wirken nicht durch Kontrolle, sondern durch gegenseitiges Einfordern, durch Vorbild, durch Feedback. Sie sind gelebte Haltung. Diese Haltung ist einem Fraktal vergleichbar: Ein einfaches Grundmuster, das durch stetige Wiederholung immer neue Formen hervorbringt, vorausgesetzt, das Fraktal wird nie verändert.

Emergenz: Wenn Haltung zur Kultur wird

Was geschieht, wenn diese Haltung nicht nur gepredigt, sondern von allen und immer konsequent praktiziert wird?
Dann geschieht etwas ganz Erstaunliches, das sich nicht erzwingen lässt: Emergenz.
Plötzlich entstehen – wie von selbst – Verhaltensweisen, die man nicht planen kann:
– Zuneigung.
– Verständnis.
– Vertrauen.
– Nächstenliebe.
Und ebenso verschwinden Phänomene, die vielerorts als unvermeidlich gelten:
– Mobbing.
– Gewalt.
– Verachtung.
– Beschämung.
Nicht, weil man sie verbietet. Sondern weil sie keine Resonanz mehr finden.
Die Umgebung lässt sie nicht mehr gedeihen. Die Kultur trägt sie nicht mehr mit.

Eine gemeinsame Haltung, die trägt 

Die gemeinsame Haltung ist kein pädagogisches Ideal. Sie ist das tragende Fundament einer sozialen Wirklichkeit, in der Entwicklung, Verantwortung und Menschlichkeit sich entfalten können.
Sie beginnt mit zwei Axiomen. Sie konkretisiert sich in vier Postulaten.
Und sie wirkt – über das Einzelne hinaus – als von allen gelebte Kultur.

Dort, wo Haltung nicht Einzelüberzeugung bleibt, sondern geteilter Konsens wird,
dort ist alles bereit für das, was man Bildung nennen kann – im besten Sinn des Wortes.

Wir versichern uns, dass die LernpartnerInnen merken, dass wir uns an die vier Postulate halten

Zu den vier Postulaten haben wir im Team je 10 Indikatoren formuliert, von denen wir glauben, dass sie zeigen, dass wir die Postulate in unserem Alltag umsetzen. Quartalsweise fragen wir unsere LernpartnerInnen anhand dieser Indikatoren, wie sie unsere Einhaltung der Postulate erleben. Wir bitten sie, auf dem Evaluierungsbogen, wenn immer möglich, ihren Namen anzugeben damit wir Einzelne oder Gruppen zusammennehmen können, um die aus ihrer Sicht mangelhafte Einhaltung der Postulate zu besprechen, um uns selber weiterentwickeln zu können.

Haltung ist kein moralisches Schild, das wir vor uns hertragen. Sie ist der gemeinsame Boden, auf dem wir einander begegnen. Dort, wo sie gemeinsam geteilt wird, wächst Vertrauen und aus Vertrauen entsteht alles.

Hinterlasse einen Kommentar