Lernerei statt Lernen

Warum Schulen funktionieren – und Bildung trotzdem scheitert

Von Peter Fratton

Schulen wollen Lernorte sein. Sie verstehen sich als Räume, in denen Kinder Wissen erwerben, Fähigkeiten ausbilden und sich Schritt für Schritt zu denkenden, handelnden Menschen entwickeln. Doch wer genau hinschaut, erkennt einen verwirrenden Widerspruch: Schulen funktionieren, aber Bildung entsteht nur zufällig. Der Grund dafür liegt nicht etwa in fehlender Motivation, mangelhaften Konzepten oder fehlender Hingabe der Lehrpersonen. Er liegt in einer Grundstruktur, die etwas erzeugt, das wie Lernen aussieht, aber keines ist. Das Phänomen kennen viele unter dem Namen „Studenting“. Ich nenne es: Lernerei.

Lernerei ist die Kunst, den Anschein des Lernens zu erwecken, ohne sich auf die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand wirklich einzulassen. Lernerei ist geordnet, fleissig, scheinbar zielführend und im schulischen System überaus erfolgreich. Sie nimmt Platz ein, aber keinen Raum. Sie verbraucht Energie, ohne dem Leben zu nutzen. Sie produziert zwar Ergebnisse, aber kaum Erkenntnisse. In Klassenzimmern geschieht sie jeden Tag. Kinder – in Klassen geordnet – füllen Arbeitsblätter aus, notieren Sätze ins Heft, nicken beim Erklären, schreiben bei Tests ab oder lösen sie mit Strategien, die das System erlaubt oder ermöglicht. SchülerInnen liefern das, was erwartet wird, ohne sich Fragen zu dürfen, was sie tun, warum sie es tun und was sie daraus machen könnten. Selbst war ich die meiste Schulzeit dieser Lernerei verfallen. Mein Hauptziel war es, zu verhindern, dass auf dem Pult des Lehrers mein Heft quer auf dem Stapel lag, denn das bedeutete: Schlechte Arbeit, am freien Mittwochnachmittag in den Arrest. Das galt es zu verhindern. Ich hatte drei Möglichkeiten: Erstens die fremdverlangten Aufgaben genau zu erledigen. Das hatte den Nachteil, dass ich zu viel Zeit brauchte. Die zweite Möglichkeit, die ich stets favorisierte: Abschreiben. Und die dritte -dazu mussten wir uns mit den «Querulanten» absprechen, damit es dem Lehrer nicht auffiel – in der Pause das Heft in die richtige Lage zu bringen.

Lernerei ist vernünftig – und deshalb gefährlich

Lernerei ist keine Dummheit, sondern Intelligenz im Bereich des Systems.
Sie ist die logische Antwort auf Strukturen, in denen Zuhören belohnt wird und Verständnis nebensächlich ist. In einer Welt aus 45-Minuten-Lektionen, Stundentafeln, Klassenlogistik und Fachgrenzen gewinnt nicht derjenige, der denkt, sondern derjenige, der effizient reagiert.

Wer weiss, dass Hausaufgaben benotet werden, nicht aber ihre Entstehung, kann guten Gewissens abschreiben. Wer weiss, dass Prüfungen ein definierbares Format haben, arbeitet auf dieses Format hin, nicht auf den interessierenden Inhalt. Wer weiss, dass niemand nachfragt, ob er verstanden hat, muss nicht denken, sondern imitieren. Die Schule schafft damit ein Paradoxon: Sie belohnt Verhalten, das Lernen simuliert (Lernerei), und bestraft Verhalten, das Lernen ermöglicht. Wer länger nachdenken will, verliert Zeit und Punkte. Wer erfolgreich täuscht, gewinnt Anerkennung und Lernereierfolg.

Lernerei bleibt folgenlos für das Denken, nicht für die Kinder

Auf dem Papier funktioniert diese Fassade hervorragend. Trotzdem bleibt die Bilanz verheerend. Die Zahlen sind nicht abstrakt, sie sind konkret und bitter: Ein Viertel der Schweizer Jugendlichen verlässt die obligatorische Schule, ohne sinnerfassend lesen zu können (Sie verstehen nicht genügend alltagsrelevante Informationen im Text). Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil sie es nicht mussten. Lesen lohnt sich im Rahmen der Lernerei nur selten. Man kann durch das System navigieren, ohne zu verstehen. Man kann durchkommen, ohne einzutauchen. Man kann bestehen, ohne sich zu beteiligen. Das fällt erst auf, wenn es zu spät ist: im Beruf, in der Ausbildung, im Leben mit seiner Komplexität. Die Schule hat nicht versagt, aber sie hat etwas verwechselt. Sie hat Lernerei produziert und diese für Lernen gehalten.

Lernerei vergiftet das Klima

Lernerei bleibt nicht nur beim Individuum, sie wirkt in die Gemeinschaft der Schule hinein. Wo das Denken nicht zählt, zählt Angepasstheit. Wer sich benimmt, gilt als „gut“, wer stört, als „schlecht“. Aus Lernräumen werden Disziplinzonen. Vertrauen wird ersetzt durch Kontrolle, Selbstverantwortung durch Überwachung. Das erzeugt Spannungen, oder schlimmer: Leerstellen, die anders gefüllt werden. Langeweile wird zur Grundstimmung. Und wo Langeweile herrscht, suchen junge Menschen andere Formen von Stimulation. Dominanzspiele entstehen, Aggressionen werden attraktiver als Aufgaben, und Mobbing wird zum Ersatz dafür, Verantwortung übernehmen zu dürfen. Gewalt ist oft die verzweifelte Rückeroberung von Bedeutung. Nichts wirkt schneller gegen echtes Lernen als ein Raum, in dem niemand Verantwortung trägt, weil man ja schliesslich systemkorrekt handelt.

Lernen beginnt dort, wo Lernerei unmöglich wird

Echtes Lernen braucht keine Simulation und Fremdmotivation. Es braucht eine gestaltete Umgebung für Autonomie, Zeit, Relevanz und Resonanz. Es beginnt mit Fragen, die jeder wirklich beantworten möchte, mit einem Problem, das man selbst lösen will, weil es Neugierde befriedigt und das Gefühl gibt, dass das eigene Tun eine Rolle spielt. Lernen ist von Natur aus zielgerichtet, persönlich, neugierdestillend und nicht zählbar in vierzig Minuten.

Lernerei dagegen zerfällt sofort, wenn sie niemand kontrolliert. Sie hat keinen eigenen Motor. Sie lebt von Fragen wie: «was musss ich tun», «gibt es Noten». Entfernt man diese, bleibt nichts übrig. Das erklärt, warum ein System, das Lernerei belohnt, immer mehr Kontrolle braucht. Und warum ein System, das Lernen ermöglicht, immer weniger Kontrolle benötigt. Vertrauen ist nicht die dekorative Schleife ums Lernen, es ist sein Nährboden.

Die Schulen sind in Wahrheit keine Orte des Lernens, sondern der Verantwortungssicherung. Jeder kontrolliert den nächsten, und niemand traut dem Prozess selbst. Kontrolle ersetzt Vertrauen, Dokumentation ersetzt Beziehung, Nachweis ersetzt Entdeckung. Und weil niemand aus dieser Reihe ausbrechen darf, hält sich das System selbst am Leben. Die Energie, die Kindern gehört – ihre Neugier, ihr Mut, ihre Fantasie – wird umgeleitet in Formulare, Notenraster und Rückmeldeschlaufen. Die paradoxe Pointe: Je mehr Verantwortung verteilt wird, desto weniger fühlt sich jemand verantwortlich. Wenn alle kontrollieren, entsteht ein guter Nährboden für Lernerei.

Die befreiende Alternative: Lernhäuser statt Schulzellen

Es gibt einen Ausweg aus dem Kreislauf der Lernerei. Er besteht nicht in kleineren Klassen, neuen Reformen, iPads oder mehr Tests. Er besteht darin, den ganzen Rahmen anders zu definieren.

Ein Haus des Lernens, in dem individuelle Projekte wachsen dürfen. Ein Lernatelier, wo jeder Lehrer und jeder Schüler seinen eigenen Arbeitsplatz für ungestörtes Arbeiten hat, wo sie sich verorten und entfalten können, bis etwas gelingt. Einen Lernmarktplatz, wo man sich für Austausch und Diskussion trifft. Mit Stehbars, an denen Lernbegleiter kurze Inputs halten, wenn jemand sie wünscht oder braucht. Und – besonders wichtig – Vier-Augen-Gespräche, in denen Ziele, Fortschritte und Hindernisse besprochen werden, nicht kontrolliert, sondern begleitet. In einer solchen Umgebung wird Lernen wieder logisch, nötig, aufregend.
Lernerei wird nicht bekämpft – sie wird unnötig.

Lernerei – vom Problem zur Lösung

Was an Schulen geschieht, ist also oft nicht Lernen, sondern Lernerei. Sie ist verständlich, konsequent und systembedingt – aber sie verhindert, was Lernen sein könnte. Lernerei produziert Scheinerfolge, nicht Fähigkeiten. Sie macht angepasst, nicht eigenständig. Sie erzeugt Misstrauen, Langeweile und soziale Spannungen, wo Lernen Neugier, Mut und Zusammenarbeit erzeugen könnte.

Der Weg heraus führt nicht über moralische Appelle, bessere Lehrmittel, mehr iPads und Smartboards, sondern über eine neue Architektur des Lernens. Eine Architektur, die Verantwortung statt Kontrolle, Beziehung statt Bewertung und Sinn statt Lehrpläne in den Mittelpunkt stellt.

Sobald wir Lernerei als Systemzustand erkennen, können wir aufhören, Kinder oder Eltern verantwortlich zu machen. Wir können aufhören mit den meisten Therapien, mit allen Sondersettings für «schwache» oder «verhaltensauffällige» Kinder. Und anfangen, Räume zu gestalten, in denen Lernen respektiert wird als das, was es immer war: eine Existenzform des Menschen. 

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