Unter diesem Titel ist in der süddeutschen Zeitung am 16. Januar ein Artikel erschienen, der zeigt, was in Deutschland und Österreich als Massnahmen vorgeschlagen wird. Zusammengefasst: Der Beitrag beschreibt die zunehmenden Probleme mit Gewalt, Mobbing, Unterrichtsstörungen und Schulverweigerung an Schulen im deutschsprachigen Raum. Als Reaktion darauf werden in mehreren Bundesländern sowie in Österreich bestehende Ordnungsmassnahmen ausgeweitet oder neu organisiert.
Konkret geht es um folgende Ansätze: Schülerinnen und Schüler können bei wiederholtem oder schwerem Fehlverhalten für mehrere Tage oder Wochen vom Unterricht ausgeschlossen werden. In einigen Bundesländern wurden diese Suspendierungszeiten deutlich verlängert, teils auf bis zu 20 Schultage, in Sonderfällen sogar auf mehrere Monate. Ziel ist es, Schulen mehr Zeit zur Beruhigung von Konflikten und zur Aufarbeitung schwerer Vorfälle zu geben.
Gleichzeitig wird erahnt, dass blosser Ausschluss problematisch ist. Deshalb setzt Österreich ab Februar auf ein neues Modell der verpflichtenden Suspendierungsbegleitung. Kinder und Jugendliche, die länger als fünf Tage suspendiert werden, sollen während dieser Zeit betreut werden mit psychologischen und sozialpädagogischen Massnahmen. Die Ursachen des Fehlverhaltens sollen bearbeitet und eine rasche Rückkehr in die Stammklasse ermöglicht werden. Die Schüler sind aber selber verantwortlich, den verpassten Stoff nachzuholen. Ergänzend wird auf strukturelle Defizite hingewiesen: zu wenig Schulsozialarbeit, fehlende Schulpsychologen, hohe administrative Hürden für Ordnungsmassnahmen und mangelnde Ressourcen für Prävention. Der Tenor lautet: Mit klareren Regeln, besseren Massnahmen und mehr Personal soll Gewalt eingedämmt und der Schulabbruch verhindert werden. Zitat eines Schulleiters über einen erfolgreich Suspendierten: «Der hat den Schuss gehört.“
Mehr desselben – warum diese Massnahmen das eigentliche Problem verfehlen
So nachvollziehbar diese Vorschläge auf den ersten Blick erscheinen, so grundlegend greifen sie zu kurz. Denn sie alle folgen derselben Logik: Man versucht, ein eskalierendes System durch immer feinere Steuerung zu stabilisieren. Was hier als Reaktionsform beschrieben wird, ist ein Mehr-Desselben. Und Optimierung kann niemals verhindern, was durch das System selbst hervorgebracht wird. Die zentrale Annahme bleibt unangetastet: Gewalt, Mobbing und Schulverweigerung gelten weiterhin als individuelles Fehlverhalten einzelner Kinder. Entsprechend richtet sich jede Massnahme auf Reaktion, Korrektur und Rückführung, statt auf die Frage, warum dieses Verhalten in so grosser Zahl überhaupt entsteht.
Wenn fast jede zweite Lehrperson Gewalt beobachtet, wenn drei von fünf LehrerInnen in der Schweiz in den letzten fünf Jahren Gewalt erlebt haben, und wenn zehntausende Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, dann handelt es sich nicht mehr um Ausnahmen. Dann sprechen wir nicht über Störungen des Systems, sondern über Dysfunktionalitäten als Symptom für ein untaugliches Systems. Der Text beschreibt Schulen, die vor allem eines tun: reagieren, suspendieren, strukturieren, begleiten, dokumentieren, sanktionieren. Das bekannte tote Pferd wird neu gesattelt.
Was dabei auffällig fehlt, ist das, was für Verbesserung entscheidend wäre: eine tragende persönliche Beziehung. Stattdessen werden jene Kinder und Jugendlichen, die nicht systemtauglich erscheinen, stetig weitergereicht: vom Fachlehrer zur Klassenlehrperson, von dort zur Schulsozialarbeit, weiter zur Schulleitung, schließlich zum Schulpsychologen oder zu externen Stellen. Jeder ist zuständig und doch fühlt sich am Ende niemand wirklich verantwortlich. Für die betroffenen Jugendlichen bedeutet das: immer wieder neue Gespräche, neue Diagnosen, neue Zielvereinbarungen, aber keine verlässliche Beziehung, die bleibt. Und trägt.
Dabei wäre genau diese Beziehung zentral. Nicht irgendeine professionelle Zuständigkeit, sondern ein Mensch, der sagt: Ich bleibe an deiner Seite. Diese Beziehung müsste – so unbequem das im heutigen System ist – zur Lehrperson gehören. Nicht, weil Lehrpersonen alles allein leisten sollen, sondern weil Vertrauen nicht delegierbar ist. Wenn eine Lehrperson nicht weiterkommt, holt sie sich Unterstützung: Sozialarbeit, PsychologIn, Beratung. Aber sie bleibt die vertraute Bezugsperson. Sie bleibt die Brücke. Sie bleibt das mittragende Gegenüber.
Das heutige System tut das Gegenteil. Es entlastet, indem es weitergibt und verliert dabei genau das, was Kinder in Krisen am dringendsten brauchen: Kontinuität.
Auch das österreichische Modell ändert daran wenig. Es ergänzt den Ausschluss um Betreuung, belässt aber die Grundlogik unangetastet. Das Kind wird aus dem System herausgenommen, bearbeitet und anschliessend wieder eingegliedert so, als liesse sich Beziehung nachträglich organisieren. Doch Beziehung lässt sich nicht verordnen, nicht strukturieren und nicht durch Programme ersetzen. Sie entsteht im Alltag, im gemeinsamen Lernen, im Dranbleiben durch dick und dünn.
Gewalt ist deshalb kein Erziehungsproblem. Sie ist ein Umweltphänomen. Sie entsteht dort, wo Menschen keinen verlässlichen Ort haben, an dem sie gesehen werden, an dem sie Sinn und Bestätigung finden und Verständnis, das sie häufig sauch für sich elbst nicht haben. Kinder brauchen nicht mehr Kontrolle, sondern Verlässlichkeit. Nicht mehr Massnahmen, sondern Zugehörigkeit. Nicht noch eine weitere Fachstelle, sondern eine(r), der bleibt.
Solange Schule primär organisiert, verteilt und reagiert, statt Beziehung zu ermöglichen, wird sich nichts Wesentliches verändern. Dann steigen die Suspendierungen, wachsen die Begleitprogramme, werden Budgets erhöht und das System erklärt sich weiterhin selbst für alternativlos. Die eigentliche Frage aber bleibt ausgespart: Nicht, wie wir systeminkompatible Kinder erfolgreicher aus dem Unterricht ausschliessen, sondern wie Schule ein Ort werden kann, an dem Beziehung vertieft gelebt werden darf und die LehrerInnen dafür Zeit haben.
Es gibt zahlreiche Schulen, die weder Gewalt noch Mobbing noch Schulverweise erleben. Warum orientiert sich das System nicht an diesen?
Die kalte Logik der Zuständigkeiten
Was mit den sogenannten systemuntauglichen Kindern gemacht wird, ist kein pädagogischer Prozess, es ist ein Durchreicheprozess:. Sie wandern vom Lehrer zur Klassenlehrperson, von dort zur Schulsozialarbeit, weiter zur Schulleitung, zum Schulpsychologen, zur Fachstelle. Jeder meint es gut. Jeder ist fachzuständig. Und genau deshalb entsteht das Gegenteil von Beziehung. Denn diese Kaskade des Weiterreichens sagt dem Kind unmissverständlich: Mit dir kommt keiner zurecht. Nicht ausgesprochen, aber gespürt. So verlieren jene Jugendlichen, die am dringendsten Bindung bräuchten, genau das zuerst: einen Menschen, der bleibt. Stattdessen erleben sie ein System, das organisiert, delegiert, dokumentiert, ausschliesst und bestraft und sich selbst dabei für professionell hält. Was fehlt, ist das Entscheidende: Ein Erwachsener, der sagt: «Ich bleibe dein Vertrauter, komme, was wolle. Ich hole mir Hilfe, wo ich an meine Grenzen stosse, aber ich bleibe dein Gegenüber. Und lerne mir dir.» Ein System, das Kinder ständig weiterreicht, darf sich nicht wundern, wenn sie irgendwann ganz gehen: weg oder in Rebellion