Mut zur schöpferischen Zerstörung – warum wir Pädagogik loslassen sollten

Die drei Nobelpreisträger des Jahres 2025 – Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt – wurden ausgezeichnet, weil sie das Geheimnis nachhaltigen Wachstums verstanden haben: Sie erklärten, wie eine für Neues offene Gesellschaft Innovation ermöglicht und warum Disruption der Motor jeder Entwicklung ist. Joel Mokyr, Wirtschafts- und Kulturhistoriker, zeigt, dass Fortschritt dort entsteht, wo eine Gesellschaft Wissen teilt, Irritation zulässt und Erneuerung nicht fürchtet. Nicht Kapital, sondern Neugier und Offenheit sind die entscheidenden Antriebskräfte für Entwicklung. Philippe Aghion und Peter Howitt entwickelten gemeinsam die Theorie der Schöpferischen Zerstörung: Innovation ersetzt das Alte, indem sie es überflüssig macht. Jede neue Idee ist zugleich ein Abschied von Gewohntem und ein Beginn ins Unbekannte.

Kreative Zerstörung, also Disruption, ist kein Trend, sondern ein Naturgesetz. Kein Land hätte seine Schreibmaschinenindustrie so lange subventionieren können, dass sie den PC überlebt hätte. Doch genau das versuchen wir meiner Meinung nach im Bildungswesen: Wir wollen ein System konservieren, das noch tayloristische Züge zeigt, das eigentlich überlebt ist.

Zwar wissen wir, dass Gewalt in Schulen zunimmt. Dass drei von fünf Lehrpersonen in den letzten 5 Jahren Mobbing oder Gewalt erfahren haben. Dass ein Viertel der Lehrkräfte am Rand des Burnouts steht. Und dass ein Viertel der Jugendlichen am Ende der Schulzeit nicht sinnerfassend lesen kann. Wir wissen das alles und reagieren doch immer gleich: mit Optimierungen statt mit Innovation.

Optimierung oder Innovation – der Unterschied zwischen mehr und anders

Im Sinne der drei erwähnten Nobelpreisträger müssen wir aufhören, Probleme nur durch Optimierung lösen zu wollen. Optimierung verbessert, aber sie verändert nicht. Sie hat allerdings den grossen Vorteil, dass man alle gewohnten Denkmuster, alles Wissen beibehalten kann. Sie schafft niederschwellige Unterstützungsangebote für Lehrkräfte, die mit Mobbing und Gewalt konfrontiert sind, bieten mehr Beratung, mehr zusätzliche Mittel, wieder neue Förderprogramme. All das ist gut gemeint, aber es bleibt innerhalb des bestehenden Systems und des mehrfach angewandten Wissens. Optimierung ist die Verlängerung des Alten mit noch mehr Aufwand an Finanzen und Manpower. Mehr Personal, mehr Bürokratie, mehr Geld – aber kein neuer Weg.

Innovation dagegen bedeutet, etwas grundsätzlich anders zu denken. Neue Wege zu gehen, ohne ganz genau zu wissen, wohin sie führen. Das Alte nicht reparieren, sondern loslassen. Innovation ist nie bequem, aber fast immer faszinierend, denn sie verlangt Mut und Risikobereitschaft und die Weisheit des disruptiven Denkens und Handelns. Sie erfordert das Verlassen der gewohnten Bahnen, das Aushalten von Unsicherheit und das Vertrauen, dass Neues nur entstehen kann, wenn wir es wagen, Altes zu zerstören. Eine Innovation, die bereits einige Schulen umgesetzt haben lautet: LehrerInnen können gelassen, entspannt und fasziniert ihre Arbeit tun.  Statt 22 Lektionen zu 45 Minuten, begleiten sie 8 Inputs zu 20 Minuten und zwei Clubs an zwei Nachmittagen. Alle Arbeiten und Konferenzen werden in der Schulzeit erledigt. Sie haben Zeit für 4-Augen-Gespräche. Bedingung: kein einziges Stellenprozent mehr.

Solche Schritte dürfen wir nicht von Politikern oder Verwaltungen erwarten. Verwaltung sichert, was war und was in Ordnungsschubladen passt, und Politik verwaltet Erwartungen der WählerInnen. Der Mut zur Disruption muss von uns Praktikern aus gehen, von jenen, die mitten im Geschehen stehen, die Kinder kennen, die Räume gestalten, die erleben, was funktioniert und erkennen, was nicht mehr trägt.

Wir LehrerInnen, die im Alltag stehen, müssen diese Veränderung nicht erbeten, sondern fordern. Denn niemand sonst wird sie anstossen. Die Politiker haben Angst, nicht mehr gewählt zu werden, die Verwaltung fürchtet zurecht, Innovation nicht verwalten zu können und die wenigsten Erziehungswissenschaftler sind bereit, ihr Wissen als den derzeit gültigen Irrtum zu sehen und völlig neue Wege zu prüfen, geschweige, sie zu gehen..

Pädagogik und Bioagogik – zwei Haltungen zum Leben

Mein Ansatz – den ich seit etwas über 40 Jahren verfolge – fordert, die Pädagogik, also die «Knabenführung» zugunsten der «Bioagogik», also der Lebensführung zu disruptieren. Die Pädagogik beruht auf der Annahme, dass Kinder das Lernen lernen müssen, und dass wir Erwachsene, als Wissende, ihnen beibringen, wie es geht. Sie vertraut auf Steuerung, Kontrolle und Methodik. Sie glaubt an Lehrpläne, Stundenpläne, Unterricht und Klassenstrukturen, an die Illusion, dass Lernen plan- prüf- und verwaltbar ist. Zwar erreicht die Pädagogik und ihre Beibringindustrie «Schule» durchaus gewisse Ergebnisse, so wie man sie auch erreicht, wenn man Tieren etwas beibringt, das sie ohne Beibringen nie tun würden, aber der Preis ist zu hoch, der Aufwand zu gross und die Negierung des Menschseins zu extrem.

Pädagogen, in ihrer nur Professionalität, sind anthropologische Pessimisten. Weshalb? Sie betrachten Menschen als ein stets gefährdetes Lebewesen, das der Einhegung bedarf. Menschen sind keine (gewöhnlichen) Tiere. Sie sind nicht einfach ihrem Instinkt unterworfen. Sie sind frei. Aber gerade dadurch unberechenbar. Deshalb bedürfen sie der Führung, der Prägung, der Erziehung und der Kontrolle.

Mit der Bioagogik disruptiere ich diese Grundannahmen und ersetze sie: 1. Lernen ist eine Existenzform des Menschen. Der Mensch lernt, und er lernt immer, solange er lebt, nicht, weil ihn jemand belehrt, sondern weil er Mensch ist. Und 2.: In jeder Umgebung geschieht das, was dieser Umgebung angemessen ist. Der Lehrer / die Lehrerin wird ErmöglicherIn und UmgebungsgestalterIn, LernbegleiterIn.

Deshalb ist die Abwendung von der Pädagogik und der Übergang zur Bioagogik keine weitere Bildungsreform, sondern eine Transformation – eine schöpferische Zerstörung im besten Sinne, nicht gegen das Alte, sondern zugunsten des Lebendigen. Bioagogen sind anthropologische Optimisten: Sie gehen davon aus, dass alles was lebt auch lernt und zwar genau das, was der Umgebung, in der sie leben, angemessen ist. Keiner muss das Lernen lernen, aber gelegentlich von der durch ungeeignete Umgebungen entstandenen Lerninvalidität geheilt werden.

Ersetzen wir doch Unterricht durch Begegnung, Belehrung durch Beziehung, Zwang durch Vertrauen. Wir schaffen Umgebungen, in denen Kinder erfahren dürfen, dass Lernen zwar nicht nur und einfach Spass, aber Freude ist, dass Irrtum gewünscht ist, dass Gelingen und Misslingen aus Neugier wächst. Das ist die eigentliche kreative Zerstörung: Nicht die Schule zerstören, aber das Denken, das sie klein hält und vielfach auch krank macht. Statt das System bekämpfen, das Leben freisetzen. Das Neue entsteht sicher nicht in Perfektion, also aus dem Wunsch nach Fehlerlosigkeit, es entsteht aus Befreiung von der „Fremdführung“Knabenführung“. Die Bioagogik führt zu einer neuen und grösseren Leistungsfähigkeit, weil sie eigenverlangte Leistung fördert und fremdverlangte aufzeigt.

Ich wünsche uns allen den Mut, diese schöpferische Zerstörung zuzulassen und die Freude, zu erleben, an dem, was dann entsteht.

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