Warum die Sparanstrengungen im Bildungswesen ein Systemproblem entlarven

Es klingt auf den ersten Blick zynisch, im Bildungswesen ausgerechnet dort sparen zu wollen, wo Kinder besondere Unterstützung brauchen. Doch die eigentliche Zumutung liegt nicht in der Sparfrage, sondern in der politischen Bequemlichkeit, mit der sie geführt wird. Wenn ein einziger Sonderschüler den Staat bis zu 150’000 Franken pro Jahr kostet, ist das nicht primär ein Skandal der Ausgaben. Es ist ein Skandal der Struktur des Systems. Diese Summe ist ein Symptom. Sie markiert den Preis eines Systems, das erst normiert, dann selektioniert und schliesslich teuer repariert, was es zuvor selbst mitproduziert hat.

Die reflexhafte Empörung über Sparvorschläge im Bereich Sonderbeschulung verfehlt deshalb den Kern. Natürlich kann man Sonderschulen nicht einfach schliessen. Sie sind heute unverzichtbar. Aber nicht, weil sie die ideale Antwort auf kindliche Vielfalt wären, sondern weil sie das Regelsystem entlasten müssen – vor allem die Lehrpersonen, die in einem historisch überholten Setting tagtäglich Unmögliches leisten sollen. Das eigentliche Paradoxon lautet: Je starrer die Regelschule organisiert ist, desto teurer werden ihre Korrekturinstitutionen. Homogene Jahrgänge, Lektionen im 45-Minuten-Takt, standardisierte Zielerwartungen, Gleichzeitigkeit des Lernens, all das wirkt nach wie vor wie ein industrielles Produktionsmodell des 19. Jahrhunderts. Wer in diese Taktung passt, funktioniert. Wer aus ihr herausfällt, produziert Förderpläne, Abklärungen, Sondermassnahmen, externe Platzierungen und schliesslich Kostenexplosionen.

Die Sonderschule ist die Folge einer ungeeigneten Grundstruktur. Deshalb ist die gegenwärtige Debatte im Kanton Thurgau so aufschlussreich. Die Diskussion kreist um Millionenbeträge, Konvikte und Verzichtslisten, während die eigentliche Frage kaum gestellt wird: Warum erzeugt ein wachsendes Bildungssystem überhaupt immer mehr hochkostenintensive Sonderfälle? Die unbequeme Antwort lautet: weil das System Vielfalt strukturell als Störung behandelt.  Man kann das politisch verwalten, finanziell umverteilen oder rhetorisch beschwichtigen. Nur günstiger wird es dadurch nicht. Wer ernsthaft sparen will, muss dort ansetzen, wo Kosten entstehen: in den Umgebungen des Lernens selbst.

Es gibt längst Beispiele, die zeigen, dass es anders geht. Schulen wie die inzwischen weltbekannte ASW in Wutöschingen demonstrieren seit Jahren, dass flexible Lernhäuser, Coaching statt Belehrung, interessensgeleitete Gruppen und gestaltete Lernumgebungen sowohl menschlich tragfähiger als auch volkswirtschaftlich intelligenter sind. Dort sinkt nicht nur der Druck auf Lehrpersonen. Es sinkt vor allem die Zahl jener Kinder, die aus dem System herausfallen und zudem sind die Leistungen besser.

Doch hier fehlt der politische Mut. Man diskutiert lieber darüber, ob ein Konvikt 500’000 oder 2,7 Millionen Franken kostet, als die Grundsystematik der Schule anzutasten. Denn wirkliche Innovation bedeutet nicht Verzicht, sondern das Eingeständnis, dass ein Teil der heutigen Kosten die Spätfolgen eines veralteten Schuldesigns sind.  Sparen in der Bildung ist deshalb sehr wohl legitim, aber nur dann, wenn es als Strukturreform verstanden wird. Alles andere ist buchhalterische Kosmetik. Die teuersten Schüler sind nicht das Problem. Sie machen sichtbar, wo das Problem sitzt: im System selbst.

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