Ein Bildungstag in der Berufsbildung des Jahres 2036

Anna ist angehende Kauffrau. Es ist Dienstagmorgen, 8.30 Uhr. Sie fährt nicht zur Berufsschule. Sie fährt in die Lernbar am Bahnhof Weinfelden. Dort trifft sie ihre Lerngruppe. Vier Lernende aus unterschiedlichen Betrieben arbeiten seit einem halben Jahr als Peer-Team zusammen. Jeder verfolgt die gleichen beruflichen Kompetenzen, aber auf individuellen Wegen. Nach einem gemeinsamen Kaffee besprechen sie ihre Ziele für den Tag. Anna arbeitet an einem Modul zur Unternehmensfinanzierung. Ihr persönlicher KI-Lernbegleiter kennt ihren Lernstand, ihre Stärken, ihre Unsicherheiten und ihre bisherigen Lernwege. Die KI schlägt passende Aufgaben vor, erklärt schwierige Zusammenhänge und erstellt Übungen, die genau ihrem Niveau entsprechen.

In einem Maker Space seiner Firma arbeitet Noe, ein angehender Polymechaniker an einer Fertigungsplanung. Um 10 Uhr will er in der Schule sein für den Besuch des Fachforums. Ein Lernender aus dem Gesundheitsbereich analysiert mit einem Freund in der Cafeteria des Spitals Fallbeispiele. Eine Mediamatikerin entwickelt eine Marketingkampagne für einen lokalen Betrieb. Alle lernen gemeinsam am gemeinsamen aber selbstgewählten Ort – aber nicht das Gleiche.

Um 10 Uhr findet ein Fachforum in der Aula des beruflichen Begegnungszentrums Weinfelden statt. Heute ist eine Unternehmerin aus der Region zu Gast. Sie berichtet von den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf ihr Unternehmen. Die Lernenden diskutieren mit ihr reale Fragestellungen und erhalten Einblicke in aktuelle Herausforderungen der Praxis. Anschliessend arbeiten die Teams weiter an ihren Projekten.

Am Nachmittag trifft sich Anna mit ihrem Peer-Team in einem Projektraum. Gemeinsam entwickeln sie ein Konzept für die Organisation des Sommernachtsfestes in Romanshorn. Dabei verbinden sie Kompetenzen aus Betriebswirtschaft, Kommunikation, Projektmanagement und digitaler Zusammenarbeit. Die KI unterstützt, dokumentiert und reflektiert den Lernprozess. Sie ersetzt jedoch nicht die Zusammenarbeit der Menschen.

Am Ende des Tages präsentiert das Team seine Zwischenergebnisse einer erfahrenen Fachfrau. Diese bewertet keine Unterrichtslektionen und fragt kein Wissen ab, sondern beobachtet die Entwicklung von Kompetenzen, Problemlösungsfähigkeit, Zusammenarbeit und Selbstverantwortung. Die Frage lautet nun nicht mehr – wie noch im Jahre 2026 -: «Hast du den Stoff verstanden?» 2038 heisst die FRage: «Kannst du die erarbeitete Kompetenz in einer realen Situation anwenden?»

Wie sehen die neuen Bildungsräume aus?

Die traditionelle Berufsschule mit Korridoren und identischen Klassenzimmern existiert nicht mehr. An ihre Stelle treten unterschiedliche Lernorte. Die Lernbars bilden das Herzstück. Hier treffen sich Lernende, Fachpersonen und Coaches. Es wird diskutiert, gearbeitet, präsentiert und reflektiert. Projektstudios bieten Platz für Teamarbeit. Flexible Möbel, digitale Arbeitsflächen und Präsentationsmöglichkeiten ermöglichen unterschiedlichste Arbeitsformen. Maker Spaces und Werkstätten verbinden Theorie und Praxis. Es entstehen Prototypen, Modelle, Produkte und Experimente. Expert Lounges dienen dem Austausch mit Fachleuten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Jeden Tag finden dort Gespräche, Workshops oder Kurzinputs statt. Ruhezonen ermöglichen konzentriertes individuelles Lernen. Präsentationsforen ersetzen Prüfungen. Lernende zeigen dort ihre Projekte, Lösungen und Entwicklungsschritte vor Fachpersonen, Betrieben und anderen Lernenden. Es braucht keine Klassenräume für Unterricht mehr, sondern Orte für Begegnung, Zusammenarbeit und Anwendung.

Die Rolle der Lehrpersonen verändert sich

Die klassische Lehrperson verschwindet, sie wird zur Lernbegleiterin und der Rektor zum Lernarchitekten. Ihre Aufgabe besteht nicht mehr darin, Inhalte zu vermitteln, sondern Lernprozesse zu begleiten, Umgebungen zu gestalten, Herausforderungen zu stellen, Qualität zu sichern, Beziehungen zu pflegen und Menschen miteinander zu vernetzen. KI übernimmt den Hauptteil der Wissensvermittlung. Menschen übernehmen das, was Maschinen nicht können: Orientierung geben, Vertrauen schaffen, inspirieren, ermutigen, fordern und Gemeinschaft ermöglichen.

Die Berufsbildung der Zukunft ist wohl nicht technischer als heute. Sie wird nur menschlicher, weil Wissen nicht mehr der Engpass ist. Der Engpass sind Begegnung, Erfahrung, Verantwortung und Sinn. Für viele Inhalte einer üblichen Berufsschule fehlte uns der Sinn. Mit den neuen Möglichkeiten kann sich das ändern, wenn die Sinnhaftigkeit in den Vordergrund rückt, weil sie für jeden auf seine Weise wichtig ist, lässt sich Leistungsfreude nicht verhindern. Oder anders gesagt: Wer Leistung will, muss Sinn bieten an sinnstiftenden Orten.

In einem nachfolgenden Text versuche ich zu zeigen, welche Kompetenznachweissysteme im KI-Zeitalter die Wissensprüfungen ablösen könnten.

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