Kaum ein Begriff prägt die Bildungswelt so selbstverständlich wie der Unterricht. Über Unterricht wird geforscht, Unterricht wird geplant, beobachtet, evaluiert und weiterentwickelt. Hochschulen bilden Lehrpersonen für guten Unterricht aus. Schulentwicklungsprogramme beginnen meist mit der Unterrichtsentwicklung. Politiker fordern besseren Unterricht. Eltern wünschen sich guten Unterricht. Fast niemand stellt die Frage, ob Unterricht überhaupt der richtige Ausgangspunkt ist.
Das erstaunlichste Merkmal eines Paradigmas ist dies: Man bemerkt es nicht mehr. Es erscheint so selbstverständlich, dass es gar nicht mehr hinterfragt wird. Was aber, wenn Unterricht gar nicht die Grundlage von Bildung ist? Was, wenn Unterricht nur eine historische Antwort auf ein Problem vergangener Jahrhunderte war? Damals lagen Wissen und Bildung in wenigen Köpfen. Wer etwas lernen wollte, musste zu denjenigen gehen, die bereits wussten. Unterricht war deshalb sinnvoll. Wissen musste vermittelt werden, weil es anders kaum zugänglich war.
Diese Welt existiert nicht mehr. Heute trägt jeder Jugendliche mit einem Smartphone mehr Wissen bei sich, als frühere Generationen jemals besitzen konnten. Künstliche Intelligenz erklärt mathematische Zusammenhänge, übersetzt Texte, simuliert Experimente, entwickelt Programme und beantwortet Fragen in Sekunden. Und dennoch organisieren wir Schule noch immer so, als wäre Wissensvermittlung ihre wichtigste Aufgabe. Wir sprechen über Unterrichtsentwicklung statt über Umgebungsentwicklung. Der Unterschied ist weit größer, als er zunächst klingt. Unterricht fragt: Was soll wie und wann gelehrt werden? Umgebungsentwicklung fragt: Unter welchen Bedingungen kann Leben lernen? Das eine richtet den Blick auf das Handeln der Lehrperson. Das andere auf die Entfaltung des Menschen.
Auch unsere Einteilungen in Altersklassen erscheinen plötzlich in einem neuen Licht. Warum lernen Achtjährige fast ausschließlich mit Achtjährigen? Warum verbringen Zehnjährige ihre gesamte Schulzeit mit Menschen, die zufällig im selben Kalenderjahr geboren wurden? Niemand lebt später so. Im Beruf arbeiten Zwanzigjährige mit Fünfzigjährigen. Familien bestehen aus mehreren Generationen. Vereine, Nachbarschaften und Unternehmen leben von Vielfalt, nicht von Gleichaltrigkeit. Nur die Schule trennt Menschen systematisch nach Geburtsjahrgängen. Wir empfinden das als selbstverständlich. Doch es ist nichts als nur Gewohnheit.
Oder nehmen wir den Stundenplan. Alle fünfundvierzig Minuten endet etwas, unabhängig davon, ob gerade Begeisterung entstanden ist oder nicht. Ein tiefes Gespräch wird unterbrochen, weil Mathematik beginnt. Ein Experiment endet, weil die Pause läutet. Ein Gedanke muss warten, weil jetzt Französisch vorgesehen ist. Wer würde so Forschung organisieren? Wer würde so ein Unternehmen führen? Wer würde so ein Orchester proben lassen? Nur in der Schule erscheint es vernünftig.
Auch Prüfungen verdienen einen zweiten Blick. Wir prüfen meist, ob Menschen zur gleichen Zeit dasselbe unter denselben Bedingungen reproduzieren können. Im Leben geschieht fast nie etwas Vergleichbares. Wenn Architektinnen ein Gebäude planen, dürfen sie nachschlagen. Ärztinnen beraten sich mit Kolleginnen. Ingenieure nutzen Simulationen. Unternehmer recherchieren. Wissenschaftler arbeiten in Teams. Nur Schülerinnen und Schüler sollen zeigen, was sie allein, auswendig und unter Zeitdruck leisten. Wir nennen das Leistungsnachweis. Doch es ist offensichtlich, wir messen dabei etwas ganz anderes als die Fähigkeit, Probleme zu lösen und Verstehen zu entwickeln und echte Leistung zu vollbringen.
Je länger man hinschaut, desto mehr Selbstverständlichkeiten beginnen zu bröckeln. Warum glauben wir, Lernen müsse nach Fächern getrennt werden, obwohl das Leben seine Fragen niemals in Mathematik, Biologie oder Geschichte sortiert? Warum sprechen wir von Stoff, als müsste etwas durchgenommen werden? Warum planen Erwachsene Lernwege für Kinder, obwohl jeder weiss, dass die bedeutsamsten Lernerfahrungen oft ungeplant entstehen? Warum reden wir über Motivation, obwohl jedes gesunde Kind voller Neugier geboren wird? Wir kämpfen seit Jahrzehnten gegen Probleme, die wir durch das System selbst erzeugen: Mobbing, Gewalt, Schulabsentismus, Langeweile, Lebensunlust, Spielsucht etc.
Leben braucht keinen Unterricht, um lernen zu lernen. Leben lernt. Immer.
Wir sollten deshalb nicht fragen, wie wir Lernen erzeugen, sondern wodurch wir seine natürliche Bewegung immer wieder sabotieren. Bioagogik beginnt an diesem Punkt. Sie fragt nicht zuerst nach besseren Methoden. Sie fragt, welche Bedingungen das Leben braucht, um sich entfalten zu können. Plötzlich verschieben sich die Prioritäten. Nicht der Unterricht wird zur wichtigsten Gestaltungsaufgabe, dafür die Umgebungsgestaltung. Nicht die Belehrung, dafür die Beziehung. Nicht die Kontrolle, dafür das Vertrauen. Nicht der Lehrplan, dafür der Lebensplan. Nicht das Klassenzimmer, dafür der Lebensraum.
Die Schule der Zukunft wird bestimmt nicht dadurch besser, dass wir den Unterricht immer weiter optimieren. Sie wird besser, wenn wir den Mut haben, Unterricht nicht länger für den Mittelpunkt von Bildung zu halten. Wir haben über Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte versucht, Lernen zu verbessern, obwohl das Lernen selbst niemals das Problem war. Das Problem war immer die Umgebung, in der wir es stattfinden liessen. Beginnen wir damit, völlig neu über Lernen und Lernumgebungen nachzudenken.