Die Schweiz verfügt – das ist nicht neu – über eines der teuersten Bildungssysteme der Welt. Nach den jüngsten international vergleichbaren OECD-Zahlen gibt sie von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe jährlich 21091 kaufkraftbereinigte Dollar pro Schülerin und Schüler aus. Estland kommt mit 10303 kaufkraftbereinigten Dollar aus. Nun liegen die Ergebnisse von PISA 2025 vor, die am 8. September 2026 veröffentlicht wurden. Sie zeigen erneut: Der finanzielle Aufwand eines Bildungssystems und seine pädagogische Wirksamkeit sind zwei verschiedene Dinge.
Doppelte Ausgaben, geringere Breitenwirkung
Estland gehört auch 2025 zu den leistungsstärksten Bildungssystemen der Welt. Sowohl Estland als auch die Schweiz liegen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt. Estland bringt jedoch einen deutlich grösseren Teil seiner Jugendlichen über die grundlegenden Kompetenzschwellen. Besonders deutlich ist der Unterschied beim Lesen: In Estland verfügen 83 Prozent über die grundlegende Lesekompetenz, in der Schweiz lediglich 71 Prozent. Fast drei von zehn Schweizer Jugendlichen können somit einen Text mittlerer Länge nicht sicher erfassen, dessen Hauptaussage erkennen und darin enthaltene Informationen angemessen einordnen.
Die Schweiz gibt pro Schüler mehr als doppelt so viel aus und erreicht dennoch einen kleineren Anteil der Jugendlichen. Das beweist nicht, dass geringere Ausgaben zu besseren Ergebnissen führen. Es widerlegt jedoch die bequeme Gleichung, wonach mehr Geld automatisch mehr Bildung hervorbringt.
Geld ist eine Ressource, aber noch keine Pädagogik
Gute Bildung braucht ausreichende Mittel, klar. Qualifizierte Lehrpersonen mit wirklich guter Entlöhnung, geeignete Lernräume, verlässliche Begleitung und besondere Unterstützung kosten Geld. Entscheidend ist, wohin dieses Geld fliesst und welche Lernkultur damit ermöglicht wird. Ein teures Bildungssystem kann beträchtliche Summen für Verwaltung, Abklärungen, Selektionsverfahren, Zuständigkeitsregelungen, Qualitätskontrollen und die Reparatur selbst erzeugter Probleme aufwenden. In der Statistik erscheint jeder dafür ausgegebene Franken als Bildungsausgabe. Ob er das Lernen eines Kindes verbessert, bleibt offen.
Der Vergleich der materiellen Bedingungen macht dies besonders sichtbar. In der Schweiz besuchen lediglich vier Prozent der Jugendlichen Schulen, deren Leitungen einen Mangel an Lernmaterialien als Beeinträchtigung wahrnehmen. In Estland sind es 39 Prozent. Auch der Mangel an Lehrpersonen wird in Estland wesentlich häufiger beklagt. Trotzdem erreichen seine Jugendlichen deutlich bessere Ergebnisse. Estland ist also nicht erfolgreicher, weil seine Schulen komfortabler ausgestattet wären. Das Land scheint seine begrenzteren Ressourcen pädagogisch wirksamer einzusetzen.
Was macht Estland besser?
Estland hält die Kinder länger zusammen. Die estnische Grundbildung umfasst neun gemeinsame Schuljahre. Kinder und Jugendliche werden während dieser Zeit nicht frühzeitig auf unterschiedlich anspruchsvolle Regelbildungsgänge verteilt. Das bedeutet allerdings keine vollständige Aufhebung separater Angebote: Für Kinder mit schweren oder dauerhaften Beeinträchtigungen bestehen besondere Angebote. Aber – und das ist bedenkenswert – Lernschwierigkeiten allein führen nicht zu einer Aussonderung. Vorrangig soll die notwendige Begleitung innerhalb der Regelschule bereitgestellt werden.
Die Schweiz trennt vielerorts wesentlich früher nach vermeintlicher Leistungsfähigkeit. Damit besteht die Gefahr, dass soziale Unterschiede zu schulischen Unterschieden werden und anschliessend als unterschiedliche Begabung erscheinen. Zudem ist diese Separierung mit allen zusätzlichen Abklärungen, Formalitäten etc enorm teuer. Allein ein Sonderschulplatz kann bis zu 150000.- Fr. kosten.
Estland vertraut den Schulen und Lehrpersonen
Estland verbindet einen nationalen Rahmen mit grosser Gestaltungsfreiheit. Schulen und Lehrpersonen verfügen über aussergewöhnlich viel Autonomie bei der Ausgestaltung des Curriculums und des Lernens. Die OECD zählt Estland zu den Ländern mit der grössten curricularen Schulautonomie. Diese Autonomie beruht auf geteilter Verantwortung, professionellem Vertrauen und einem leistungsfähigen Bildungsmonitoring. Kontrollinstanzen wie Schulaufsicht und Bewilligungsbehörden entfallen und sparen Kosten.
In der Schweiz reden wir ebenfalls gerne von Schulautonomie. Gleichzeitig wachsen Vorgaben, Formulare, Zuständigkeiten, Bewilligungsanträge und Kontrollverfahren. Wir investieren viel Energie in die Absicherung des Systems. Estland investiert stärker in die Verantwortung der Menschen, die darin lernen und arbeiten.
Die unbequeme Frage an die Schweiz
PISA misst nicht die ganze Bildung eines Menschen. Wichtige Qualitäten fehlen aus meiner Sicht: Mut, Empathie, Kreativität, Beziehungsfähigkeit, praktische Begabung und Verantwortungsbereitschaft werden nur teilweise erfasst. Auch Estland hat Probleme. Der Vergleich bleibt dennoch ernüchternd. Ein Land investiert pro Schüler mehr als doppelt so viel und erreicht bei den Grundkompetenzen und bei der Bildungsgerechtigkeit schwächere Ergebnisse.
Die nächste bildungspolitische Antwort darf daher nicht reflexartig mehr Lektionen, zusätzliche Fachstellen, neue Förderprogramme und weitere Kontrollen verlangen. Vor jeder zusätzlichen Ausgabe wäre zu fragen: Kommt diese Investition unmittelbar dem Lernen und der Entwicklung der Kinder zugute? Fördert sie die Autonomie der einzelnen Schule, der Lehrpersonen und der SchülerInnen. Oder stabilisiert sie hauptsächlich die bestehenden (Kontroll)Strukturen? Die Schweiz hat kein primäres Finanzierungsproblem. Sie hat ein Wirksamkeitsproblem. Wir leisten uns ein aufwendiges System, dessen Mittel sich zu oft in Strukturen, Abgrenzungen und Reparaturmassnahmen verteilen.
Estland zeigt, entscheidend ist die Haltung gegenüber den Lernenden, das Vertrauen der Behörden in die Lehrpersonen und die Schulleitung, die Dauer des gemeinsamen Lernens und die Fähigkeit eines Systems, möglichst viele junge Menschen ins Gelingen zu führen. Hier liegen die wirklichen Ersparnisse, (schliesslich trägt die OECD: Organisation for Economic Co-operation) aber hier liegen vor allem auch die Leistungserfolge.