Eine Studentin einer Pädagogischen Hochschule fragte mich an, ob ich sie bei einer Arbeit zu autonomen Lernformen und zur Lerner:innenautonomie begleiten könne. Ich sagte gerne zu, denn kaum ein Thema scheint mir zentraler für die Zukunft von Schule und Lernkultur.
Zwei Tage vor unserem Treffen rief sie an. Sie müsse den Termin verschieben. Der Grund war bemerkenswert: Eine Vorlesung zu den vier Säulen der Pädagogik – Sozialisation, Erziehung, Bildung und Lernen – sei Pflicht. Die Dozentin verlange die Teilnahme.
Mich verwirrte einerseits die Pflicht, aber noch mehr die implizite Botschaft: die Teilnahme an einer standardisierten Lehrveranstaltung gelte als bedeutsamer als ein reales, selbst initiiertes Lerngespräch zum passenden Thema. Schon in diesem Moment wurde mir einmal mehr klar, was der eigentliche heimliche Lehrplan etlicher pädagogischer Hochschulen ist: Lernen geschieht dort, wo es institutionell vorgesehen ist – nicht dort, wo Rückkopplung, Fragekraft und Eigeninitiative entstehen. Ich schlug der Studentin vor, sie in ihre Vorlesung zu begleiten. Ich wollte erleben, welche Lernnotwendigkeit diese Veranstaltung unverrückbar macht.
Die Dozentin war freundlich, zugewandt und fachlich sehr kompetent. An ihrer Person lag meine Ernüchterung nicht. Dochb gerade das macht die Erfahrung aufschlussreich: Nicht einzelne Menschen sind das Problem, sondern die Umgebung, in der sie handeln (müssen).
Die Veranstaltung verdiente den klassischen Titel „Vorlesung“. Eine Person dozierte, strukturierte, definierte und fragte zwischendurch in ritualisierter Form nach. Die Fragen waren so angelegt, dass die Dozentin die Antworten bereits kannte und dass eine Auswahl von Antworten im Vortrag mitgeliefert wurde. Das Denken der Studierenden bewegte sich innerhalb eines vorgezeichneten Korridors. Die technische Modernisierung änderte daran wenig. Wo früher Hellraumprojektoren die Gedanken fixierten, übernimmt heute PowerPoint dieselbe Funktion. Digitale Abstimmungstools erzeugen sogar den Anschein von Beteiligung: vier vorgegebene Antworten, sofortige grafische Auswertung, sichtbare Verteilung der Ergebnisse. Doch auch dies bleibt zumeist eine Dramaturgie der Bestätigung. Es ist Interaktion ohne echtes Risiko des Denkens. Es ist betreutes Denken, Studenting oder – wie ich es nenne – Lernerei. Da ist es nicht verwunderlich – wenn auch respektlos – dass viele Studentinnen in ihr Handy vertieft sind. Ironie: Später werden sie in der Schule für ein Handyverbot votieren.
Auf der Rückfahrt wurde mir klar, weshalb mich diese Vorlesung so ernüchterte: Sie lehrte wenig Inhalte über Lernen, sie lehrte vor allem ein Bild davon, wie Lernen zu geschehen habe. Es ist der latente Lehrplan, der wirklich wirkt:
Lernen heisst zuhören.
Lernen heisst Vorgegebenes reproduzieren.
Lernen heisst sich entlang bereits gedachter Gedanken zu bewegen.
Lernen heisst, dass richtige Fragen und richtige Antworten bereits existieren und bestenfalls innerhalb des Systems diskutiert werden dürfen, um nachher abgefragt und benotet zu werden.
Somit ist genau dort, wo über autonome Lernformen gesprochen wird, autonome Erfahrung ausgeschlossen. Hier zeigt sich die Ironie vieler pädagogischer Ausbildungsorte: Man spricht über Freiheit in Formen der Unfreiheit. Man erläutert Selbstorganisation in hochgradig fremdorganisierten Settings. Man reflektiert Lernendenautonomie in Räumen, die strukturell auf Abhängigkeit, Anwesenheitspflicht und Antwortkonformität angelegt sind. Man unternimmt alles, damit betreutes Denken notwendig ist, weil die institutionelle Form jene intellektuelle Unselbstständigkeit hervorbringt, deren anschliessende Betreuung sie dann als pädagogische Leistung ausweist.
Damit wird jenes erste Axiom verletzt, das für mich unverrückbar ist: Lernen ist eine Existenzform des Menschen.Wenn es so ist, dann kann es nicht auf die passive Aufnahme institutionell portionierter Wissenseinheiten reduziert werden. Lernen zeigt sich im Fragen, im Verwerfen, im Ringen, im Austausch, im Widerspruch, im Gestalten, im Erproben und im persönlichen Sinnbezug. Platon spricht von Lebendigkeit. Er wusste, dass Bildung nur dort geschieht, wo der Geist in Bewegung gerät – im Fragen, im Widerstand, im dialogischen Ringen um Wahrheiten. Lernen ist für ihn kein Befüllen, sondern Lebendigkeit der Seele.
Sichtbar wurde auch das zweite Axiom: In jeder Umgebung geschieht das, was der Umgebung angemessen ist. Eine Vorlesungsumgebung erzeugt Zuhören, Angepasstheit, selektive Aufmerksamkeit, strategisches Mittippen und – häufig – Langeweile. Sie erzeugt das Verhalten, das ihre Systematik, ihre Zeitstruktur und vor allem ihre Prüfungs- und Benotungsmacht nahelegen. Wer in solchen Umgebungen Lehrpersonen ausbildet, darf sich nicht wundern, wenn diese später wiederum Unterrichtsräume schaffen, in denen Kinder vor allem stillsitzen, zuhören und Antworten reproduzieren.
Meine Erfahrung: Die Umgebung bildet stärker als jede Theorie. Es reicht nicht, neue Inhalte zu lehren. Man muss die pädagogischen Hochschulen selbst in Erfahrungsräume des anthropologischen Lernens verwandeln.
Nun ist es ebenso üblich wie leicht, das System zu kritisieren. Um nicht nur das zu tun, skizziere ich meinen Ansatz:
- Ich stelle mir – statt Vorlesungssäle – Lernateliers vor, wo Studentinnen, Dozentinnen ihren Arbeitsplatz haben.
- Inputtheken für den freiwilligen Fachinput
- Denkmarktplätze, in denen Austausch und Vertiefung stattfinden, wo Hypothesen kollidieren dürfen und müssen.
- Lernbars mit Barhockern für informelle Treffs und Diskurse.
- Videostudios für Reflexion realer Lernprozesse.
- Werk- Experimentier- Kunst-, Musik- , Koch- und Makerräume, in denen Denken aus Tätigkeit entsteht. Exakt nach Piaget: Denken ist verinnerlichtes Handeln.
- Räume der Stille, in denen Gedanken reifen dürfen.
- 4-Augen-Kojen für echtes mentorielles Begleiten.
- Ein grosser multifunktionaler Raum als Aula und Versammlungsort, Zentrum der Polis
In solchen Räumen wäre die klassische Vorlesung nicht nur didaktisch, sondern bereits architektonisch unwahrscheinlich. Zudem würde ich an jeder pädagogischen Hochschule eine Anzahl von Kindern aufnehmen – ca hälftig zur Studentinnenzahl – möglichst solche, die nicht systempassend sind. Diese Kinder würden durch die Studentinnen ab dem dritten Semester – die ersten beiden dienen der Vorbereitung – in ihrem Lern- und Lebensprozess begleitet. Alle studentischen Fragen hätten plötzlich einen unmittelbaren Hintergrund und sind von Wichtigkeit und Bedeutsamkeit. Die Dozentinnen sind die fachliche Begleitung für alle anstehenden Fragen, aber das Kind selbst wird nicht weitergegeben, sondern die Studentin informiert sich, wenn sie an Grenzen stösst und bildet sich zur Fachfrau, zur Lernbegleiterin.
Darin läge die Innovationskraft: Studierende würden nicht mehr über Lernen zuhören, sondern in einer Umgebung leben, in der autonomes Lernen die einzig angemessene Form ist. Die Bequemlichkeit des betreuten Denkens würde ersetzt durch die Zumutung des eigenen und kritischen Denkens. Anstelle von Belehrung, gibt es Auseinandersetzung.
Antwortkonformität ist nicht gefragt und nicht erfolgreich, dafür entsteht Resonanz, statt Kontrolle, Vertrauen, statt prüfen und selektieren, wachsen und sein. Nicht Pädagogik als Rede über Lernen, sondern Bioagogik mit Lernen als Existenzform des Menschen in einer geeigneten Umgebung.
Wo die Leistung bleibt ohne Kontrolle? Wer Sinn pflanzt, wird immer Leistung ernten.
Wenn pädagogische Hochschulen Lehrpersonen für die Gegenwart (aus)bilden wollen, müssen sie zuerst selbst aufhören, Schulen von gestern zu sein. Die gute Botschaft: einige sind bereits auf dem Weg!