KI macht Prüfungen sinnhaft – aber anders

Wenn KI jederzeit verfügbar ist, verliert die klassische Wissensprüfung weitgehend ihren Sinn. Eine Prüfung, die lediglich abfragt, was jemand weiss oder auswendig gelernt hat, kann von einer KI meist besser beantwortet werden als von einem Menschen. Die wichtigste Frage verschiebt sich deshalb von «Was weisst du?» zu «Was kannst du mit deinem Wissen anfangen?»

Eine Prüfung der Zukunft könnte aus vier Elementen bestehen.

1. Authentische Herausforderung

Die Lernenden erhalten eine reale, unbekannte Aufgabe. Beispiel Kaufmann/Kauffrau: Das Unternehmen XY hat innerhalb von drei Monaten 20 % seiner Kundschaft verloren. Analysieren Sie die Situation und entwickeln Sie innerhalb von drei Stunden konkrete Massnahmen. KI soll verwendet werden. Geprüft wird aber nicht die Antwort der KI, sondern wie die lernende Person Fragen stellt, Informationen bewertet, Prioritäten setzt und Entscheidungen trifft. Ähnlich wie heute niemand einen Ingenieur prüft, indem man ihm den Taschenrechner wegnimmt. Aber noch vor wenigen Jahren, war die Nutzung des Taschenrechners an Prüfungen nicht erlaubt. Einige Bildungsstätten handhaben KI genau so.

2. Live-Situation

Ein Teil der Prüfung findet in direkter Interaktion statt. Die Kandidatin präsentiert ihren Lösungsweg vor Fachpersonen. Diese verändern spontan Rahmenbedingungen: „Was würden Sie tun, wenn das Budget halbiert wird?“ „Wie reagieren Sie, wenn der wichtigste Kunde abspringt?“ „Warum haben Sie diese Lösung gewählt und nicht jene?“ Hier zeigt sich, ob echtes Verständnis vorhanden ist. Auswendig gelernte Antworten helfen wenig.

3. Nachweis über längere Zeit

Ein grosser Teil der Beurteilung entsteht durch ein Portfolio. Nicht ein einzelner Prüfungstag entscheidet, sondern dokumentierte Projekte, Kundenaufträge, Problemlösungen und Entwicklungsschritte über Monate oder Jahre. So wie ein Architekt nicht aufgrund einer Mathematikprüfung beurteilt wird, sondern aufgrund seiner realisierten Projekte.

4. Beobachtung menschlicher Kompetenzen

Die vierte Dimension der Prüfung richtet den Blick auf jene Fähigkeiten, die sich auch im Zeitalter leistungsfähiger künstlicher Intelligenz nicht delegieren lassen. Es sind die menschlichen Kompetenzen, die darüber entscheiden, ob berufliches Handeln gelingt: die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, die Fähigkeit, Vertrauen entstehen zu lassen und Konflikte konstruktiv zu lösen. Dazu gehört ebenso der Umgang mit Unsicherheit, denn die meisten Entscheidungen des Berufsalltags müssen getroffen werden, bevor alle Informationen vorliegen. Ebenso bedeutsam sind die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und die Kunst, gemeinsam mit anderen tragfähige Lösungen zu entwickeln. Schliesslich bleibt auch die ethische Reflexion menschliches Terrain: die Frage danach, was möglich ist, was sinnvoll ist und was verantwortet werden kann. Diese Kompetenzen werden in Gruppenaufgaben, Projekten und realen Arbeitssituationen sichtbar. Ein Beispiel:

Vier Lernende erhalten den Auftrag, innerhalb von sechs Stunden eine Veranstaltung für 100 Personen zu organisieren. Fachpersonen beobachten die Zusammenarbeit. Wer übernimmt Führung? Wer hört zu? Wer löst Konflikte? Wer verliert die Übersicht? Wer schafft Orientierung? KI kann Vorschläge machen. Handeln müssen die Menschen selbst. Aus bioagogischer Sicht wäre die Prüfung der Zukunft deshalb keine Wissenskontrolle mehr. Sie wäre eine Bewährungsprobe, in der es nicht darum geht: „Kannst du wiedergeben, was andere wissen?“ Es geht darum: „Kannst du in einer komplexen Situation verantwortlich handeln?“ Das verlangt das heutige Berufswesen. Niemand fragt nach auswendig gelerntem Stoff. Gefragt sind Menschen, die Probleme lösen, Beziehungen gestalten, Entscheidungen treffen und Neues hervorbringen können und sich eigene Ziele zu gemeinsamen Kompetenzen setzten können.  Und weil KI immer intelligenter wird, wird die eigentliche Prüfung immer menschlicher werden. Wissensvermittler werden zu einem Anachronismus des KI-Zeitalters, vergleichbar mit Überseebrieftauben im Zeitalter digitaler Kommunikationsmittel.

Immer wieder werde ich gefragt, woher wir die Fachkräfte für diese Prüfungen nehmen sollen. Das ist ganz einfach: Wenn die LehrerInnen keine Klassen mehr betreuen und keinen Unterricht durchführen müssen, haben sie Zeit für eine Form der Prüfung, die den Namen nicht mehr verwendet, weil sie mehr ist, nämlich eine Bewährungsprobe.

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