Im Talenticum lernte ich Elias kennen, einen Zweitklässler. Er konnte «immer noch nicht» lesen. Die Schule hatte deshalb beschlossen, ihn zu einer Legasthenietherapeutin zu schicken. Als Elias in seiner Freizeit zu uns kam, wusste ich davon nichts. Ich wusste nur, dass er sich leidenschaftlich für Robotik interessiert. Er wollte Roboter bauen, sie programmieren, ausprobieren und verstehen. Mit einer Begeisterung, die ansteckend war, vertiefte er sich in die Bausätze.
Am dritten Mittwochnachmittag geschah etwas Bemerkenswertes. Elias blickte mich frustriert an und sagte: «Ich verstehe immer nur die Bilder. Den Text kann ich nicht lesen.» «Das verstehe ich, da musst du was unternehmen», sagte ich. Nur, da war kein Lehrer, der ihn zum Lesen aufforderte. Es gab kein Arbeitsblatt, keine Hausaufgabe, keine liebevoll laminierten A4-Blätter an der Wand, die alle Buchstaben zeigten und es war keine Prüfung. Aber es war sein eigenes Vorhaben, das plötzlich am Lesen scheiterte. Wohl zum ersten Mal stand das Lesen nicht am Anfang des Lernens, sondern wurde zur Voraussetzung dafür, etwas tun zu können, das ihm wirklich wichtig war. Zweieinhalb Wochen später las Elias die Anleitungen.
Bis heute weiss ich nicht, wie er lesen lernte. Niemand setzte sich täglich mit ihm an einen Lesetisch. Niemand entwickelte ein spezielles Förderprogramm. Niemand belohnte oder kontrollierte ihn. Seine Mutter erzählte mir später schmunzelnd: «Es waren zwei anstrengende Wochen. Überall, wo Elias eine buchstabenverdächtige Kombination sah, wollte er wissen, was dort steht. Auf Verpackungen, Schildern, Prospekten, Werbetafeln – ständig fragte er nach.» Plötzlich war Schrift für ihn nicht mehr eine schulische Übung. Sie war zum Schlüssel seiner eigenen Welt geworden.
Natürlich wäre es naiv, aus dieser Geschichte ein allgemeines Rezept ableiten zu wollen. Nicht jedes Kind lernt lesen, weil es Roboter bauen möchte. Und nicht jedes Kind entwickelt seine Motivation auf dieselbe Weise. Aber ebenso naiv wäre es, diese Erfahrung als blossen Zufall abzutun. Aus bioagogischer Sicht erzählt diese Geschichte etwas Grundsätzliches über das Lernen: Leben lernt nicht, weil es muss, Leben lernt, weil es etwas verwirklichen will. Lernen fokussiert sich dort, wo ein Mensch merkt: Ich brauche etwas, um weiterzukommen. Elias wollte nicht lesen lernen. Er wollte Roboter bauen. Das Lesen war nicht das Ziel seines Handelns, sondern das Werkzeug, das er plötzlich brauchte. In dem Moment, in dem Lesen für ihn persönlich bedeutsam wurde, entwickelte es eine Kraft, die keine äussere Motivation hätte ersetzen können.
Aus meiner Erfahrung liegt hier eine der grossen Herausforderungen unseres Bildungssystems. Wenn heute bis zu einem Fünftel der Schulabgängerinnen und Schulabgänger die Schule verlässt, ohne sinnerfassend lesen zu können, dann genügt es nicht, nach besseren Methoden oder mehr Förderung und Therapie zu rufen. Wir müssen eine viel grundlegendere Frage stellen: Warum ist es uns nicht gelungen, Lesen für diese Kinder zu einem Werkzeug werden zu lassen, das sie für ihre eigenen Ziele wirklich brauchen?
Ich gehe davon aus – und viele meiner LeserInnen wissen das – dass Lernen eine Existenzform des Lebens ist. Menschen lernen unaufhörlich. Es geht nicht darum, ob sie lernen, sondern wofür. Was ein Mensch für sein eigenes Leben als bedeutsam erlebt, verfolgt er mit einer Ausdauer und Intensität, die kein Belohnungssystem hervorbringen kann. Die Geschichte von Elias – und ich auch – fordern daher die Erweiterung der Schule zu einer vielfältig gestalteten Umgebung, die kein Klassenzimmer bieten kann sondern nur ein ganze Lernhaus. Neben dem systematischen Erwerb der Kulturtechniken brauchen Kinder und Jugendliche Erfahrungsräume, in denen sie ihren eigenen Fragen folgen, Probleme lösen, Projekte verwirklichen und entdecken können, und wo Lesen, Schreiben und Rechnen dafür wertvolle Werkzeuge sind. Kinder lernen nicht, weil, wir ihnen erklären, warum etwas wichtig ist, sie lernen, wenn das Leben selbst ihnen zeigt, was sie brauchen. Deutsch und Rechnen sind weder Hauptfächer noch Nebenfächer, sondern tolle Hilfen, um die Neugier zu erweitern oder mindestens zu erhalten und die eigene Welt grösser und weiter werden zu lassen. Als Fächer können wir sie dann streichen.