Der Schlüssel

Warum Vertrauen Räume öffnet und Kontrolle Verantwortung verschliesst

Ein Schlüssel ist ein kleines Stück Metall. Man kann ihn in die Tasche stecken, verlieren, weitergeben oder vergessen. Aber ein Schlüssel kann auch mehr über das Menschenbild einer Schule erzählen als manches Leitbild, das sorgfältig formuliert, laminiert und gut sichtbar im Eingangsbereich aufgehängt wurde.

An der Alemannenschule Wutöschingen oder an den Neuen Stadtschulen St. Gallen verfügen die Lernpartnerinnen und Lernpartner über einen Schlüssel zum Lernhaus und zu allen Räumen. Sie können damit die vorhandenen Materialien und die Infrastruktur auch ausserhalb der eigentlichen Schulzeiten an sieben Tagen in der Woche benutzen. Die Räume werden den jungen Menschen anvertraut, für die sie geschaffen worden sind. Ein Lehrerzimmer, das den Erwachsenen vorbehalten wäre, gibt es nicht. Ein Haus des Lernens ist nicht in eine Welt der Berechtigten und eine Welt der Beaufsichtigten aufgeteilt. Erwachsene und Jugendliche halten sich in gemeinsamen Räumen auf. Sie begegnen einander zwar auch in ihren institutionell festgelegten Rollen, vor allem aber als Menschen, die an einem gemeinsamen Ort leben, lernen und Verantwortung tragen.

Dann gibt es die andere Schule: Auch sie ist neu und schön. Das Gebäude ist architektonisch gelungen, die Räume sind modern eingerichtet, die Materialien sorgfältig ausgewählt. Doch alle Schulzimmer sind abgeschlossen. Wer hinein will, braucht einen Schlüssel, und über den verfügen nur die Lehrerinnen und Lehrer. Der Schulleiter ist stolz auf seinen «Sicherheitssektor». Das ist jener Teil der Schule mit Lehrerzimmer, Lehrercafeteria und Lehrerarbeitsplätzen, in dem die Türen immer verriegelt sind. Mit einem Panikknopf kann im Notfall sofort die Polizei alarmiert werden. Die Türen bleiben verschlossen, selbst wenn sich Lehrpersonen darin aufhalten.

Zwei Schulen. Zwei Schlüssel. Zwei Botschaften.

Die erste Schule sagt ihren jungen Menschen: Wir vertrauen dir. Dieser Ort gehört auch dir. Du darfst ihn benutzen. Wir gehen davon aus, dass du mit den Räumen, den Materialien und den Möglichkeiten verantwortungsvoll umgehst.

Die zweite Schule sagt: Du darfst nur hinein, wenn jemand es dir erlaubt. Die Räume und Materialien stehen zwar angeblich für dich bereit, aber wir müssen den Zugang zu ihnen kontrollieren. Wir wissen nicht, was du tun würdest, wenn wir dich nicht beaufsichtigten.

Was lernen Kinder und Jugendliche in diesen beiden Umgebungen? Sie lernen viel mehr als das, was in Zielkatalogen, Kompetenzrastern und Lehrplänen festgehalten ist. Sie lernen, wie Erwachsene sie sehen. Sie erfahren, ob man ihnen (zu)traut, verantwortlich zu handeln, oder ob man sie zunächst als mögliches Risiko betrachtet. Sie lernen, ob sie Teil einer Gemeinschaft sind oder lediglich deren vorübergehend zugelassene Auszubildende.

In der Schule mit dem eigenen Schlüssel erfahren junge Menschen, dass sie ernst genommen werden. Dass man ihnen etwas zutraut und sie für fähig hält, mit Freiheit umzugehen. Ihr Handeln hat Bedeutung. Ich kann einen Raum nutzen, ohne dass mich jemand begleitet. Ich kann Materialien benutzen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Aber deshalb bin ich auch dafür verantwortlich, wie ich den Raum wieder verlasse und wie ich mit dem umgehe, was mir anvertraut wurde.

Ein Schlüssel öffnet deshalb nicht nur eine Türe. Er öffnet einen Verantwortungsraum.

Vertrauen begründet Verantwortung. Wer etwas anvertraut bekommt, erfährt, dass das eigene Verhalten Folgen für andere hat. Daraus entsteht eine persönliche Verpflichtung: Ich sorge für das, was auch mir gehört. Ich hinterlasse den Raum so, dass andere ihn ebenfalls nutzen können. Ich behandle das Material sorgfältig, weil es Teil unserer gemeinsamen Umgebung ist.

In der kontrollierten Schule entsteht eine andere Konsequenz. Wo Türen grundsätzlich verschlossen sind, bleibt die Verantwortung bei denen, die über die Schlüssel verfügen. Die Erwachsenen öffnen, schliessen, erlauben und verweigern. Die jungen Menschen lernen, auf Freigaben zu warten. Nicht ihre Einsicht entscheidet, sondern ihre Berechtigung. Nicht die gemeinsame Verantwortung schützt den Raum, sondern das Schloss. Damit wird ihnen ungewollt eine folgenreiche Botschaft vermittelt: Verantwortung ist nicht etwas, das dir zugetraut wird. Sie liegt bei den Erwachsenen. Deine Aufgabe besteht darin, dich an die Regeln zu halten und die Grenzen nicht zu überschreiten.

Kontrolle verhindert auf diese Weise das, was sie eigentlich sichern möchte. Wo Menschen dauerhaft kontrolliert werden, lernen sie nicht, verantwortlich zu handeln. Sie lernen, sich unter Beobachtung regelkonform zu verhalten, und entwickeln ein feines Gespür dafür, wann jemand hinschaut und wann nicht. Es geht nicht mehr um die Frage: Was ist für unsere Gemeinschaft richtig? Sondern: Was darf ich, und werde ich dabei erwischt?

Vertrauen richtet den Blick auf das Gelingen. Kontrolle richtet ihn auf das mögliche Versagen. Darin liegt ein zentraler Unterschied zwischen Pädagogik und Bioagogik. Die tradierte pädagogische Institution fragt, wie das Verhalten junger Menschen gesteuert, abgesichert und überprüft werden kann. Die Bioagogik fragt, welche Umgebung Menschen dazu einlädt, ihre Verantwortung selbst wahrzunehmen. Sie geht von dem einfachen, aber weitreichenden Axiom aus, dass in jeder Umgebung das geschieht, was der Umgebung angemessen ist.

In einer Umgebung des Misstrauens entsteht ein Verhalten, das diesem Misstrauen entspricht. Menschen werden vorsichtig, angepasst, abhängig oder erfinderisch darin, Kontrollen zu umgehen. Sie schützen sich, verbergen Fehler und vermeiden Risiken – oder fordern sie ganz bewusst heraus. Wer ständig damit rechnen muss, dass sein Verhalten geprüft und bewertet wird, fragt weniger danach, was er lernen könnte, als danach, wie sein Tun beurteilt wird.

In einer Umgebung des Vertrauens kann etwas anderes entstehen. Menschen wagen sich an Aufgaben, zeigen Unsicherheiten, übernehmen Verantwortung und erfahren, dass Fehler nicht sofort den Entzug des Vertrauens nach sich ziehen. Sie können sich mit einem Ort verbinden, weil sie nicht nur dessen Benutzerinnen und Benutzer sind, sondern an seiner Gestaltung teilhaben.

Das fehlende Lehrerzimmer ist dabei keineswegs eine nebensächliche architektonische Entscheidung. Das traditionelle Lehrerzimmer markiert eine Grenze. Hier die Erwachsenen, dort die Kinder und Jugendlichen. Hier die Wissenden, Entscheidenden und Berechtigten, dort jene, die lernen, gehorchen und warten sollen. Selbstverständlich brauchen auch Erwachsene Rückzugsorte, Räume für vertrauliche Gespräche und Möglichkeiten zur Erholung. Doch daraus folgt nicht, dass das alltägliche Zusammenleben grundsätzlich in getrennte Welten zerfallen muss. Auch Jugendliche brauchen solche Orte.

Wo Erwachsene und junge Menschen gemeinsame Räume bewohnen, verändert sich die Beziehung. Die Lernbegleiterin zieht sich nicht hinter eine institutionelle Grenze zurück, sobald die Lernzeit beendet ist. Der Jugendliche begegnet ihr auch beim Kaffee, beim Vorbereiten, im Gespräch mit anderen oder mitten in einer eigenen Unsicherheit. Beide erleben einander nicht nur in einer festgelegten Rolle. Schule wird dadurch weniger zu einem Ort der Durchführung und mehr zu einem Ort des gemeinsamen Lebens.

Natürlich kann Vertrauen enttäuscht werden. Ein Schlüssel kann weitergegeben, ein Raum unordentlich hinterlassen, ein Material beschädigt werden. Vertrauen ist keine Garantie dafür, dass niemals etwas misslingt. Doch auch Kontrolle bietet diese Garantie nicht. Schlösser verhindern manche Grenzüberschreitungen, aber sie erzeugen weder Einsicht noch Verantwortungsbewusstsein.

Viele Schulen klagen über Mobbing, Gewalt und mutwillige Zerstörung. Gelegentlich wird sogar von Gymnasiasten oder Schulabgängern berichtet, die am Ende ihrer Schulzeit Räume verwüsten, Einrichtungen beschädigen oder Gegenstände zerstören. Solche Vorfälle erscheinen auf den ersten Blick als Bestätigung dafür, dass junge Menschen noch strenger beaufsichtigt, Räume besser geschützt und Zugänge stärker kontrolliert werden müssten. Doch es zeigt sich gerade das Gegenteil.

In ihrer extremen Form bringt die Kontrollschule hervor, was sie mit immer neuen Regeln, Verboten und Sicherheitsvorkehrungen verhindern möchte. Wer über Jahre erfährt, dass die Schule nicht sein Ort ist, sondern ein fremder Raum, in dem er sich nur unter bestimmten Bedingungen aufhalten darf, entwickelt kaum ein Gefühl der Zugehörigkeit. Wer nicht mitgestalten darf, erlebt die Umgebung nicht als gemeinsame Welt. Und wer grundsätzlich als mögliches Risiko behandelt wird, hat wenig Anlass, sich für das verantwortlich zu fühlen, wovon er ferngehalten wird.

Man zerstört leichter, was einem nicht gehört. Man beschädigt leichter, womit man sich nicht verbunden fühlt. Und man demütigt leichter Menschen, die nicht als Teil einer tragenden Gemeinschaft erlebt werden.

Die verschlossene Schule schützt ihre Räume äusserlich, während sie innerlich die Beziehung zu ihnen schwächt. Das Gebäude bleibt Eigentum der Institution. Die Regeln bestimmen die Erwachsenen. Die Ordnung wird von oben gesetzt. Den jungen Menschen bleibt die Rolle der Benutzenden – oder sogar derjenigen, vor denen das Gebäude geschützt werden muss. Aus dieser Entfremdung können Gleichgültigkeit, Widerstand und in extremen Fällen Zerstörungswut entstehen.

Die Beschädigung eines Schulhauses ist dann nicht nur ein Verstoss gegen eine Hausordnung. Sie kann auch Ausdruck einer Beziehung sein, die nie entstanden ist. Der junge Mensch zerstört nicht seinen eigenen Lebensraum, sondern den Raum einer Institution, die er als fremd, kontrollierend oder sogar feindlich erlebt hat. Die Zerstörung wird zur letzten Form der Selbstwirksamkeit: Einmal nicht gehorchen, nicht funktionieren, nicht bewertet werden – sondern selbst eine sichtbare Wirkung hervorbringen.

Ähnliches gilt für Mobbing und Gewalt. Wo Menschen in einer hierarchischen Ordnung leben, in der Macht überwiegend von oben nach unten ausgeübt wird, lernen sie nicht nur die offiziellen Regeln. Sie lernen zugleich ein Beziehungsmuster: Wer Macht besitzt, bestimmt; wer schwächer ist, muss sich fügen. Unterhalb der formalen Ordnung kann sich dieses Muster fortsetzen. Junge Menschen geben den Druck weiter, den sie selbst erfahren. Sie sichern ihre Stellung, indem sie andere ausschliessen, beschämen oder beherrschen.

Mobbing ist deshalb nicht einfach nur das Fehlverhalten einzelner Schülerinnen und Schüler. Es ist auch eine Frage der Umgebung. Es gedeiht dort besonders gut, wo Menschen wenig Zugehörigkeit erfahren, Beziehungen austauschbar bleiben, Konkurrenz gefördert wird und Verantwortung an Aufsichtspersonen delegiert ist. Eine Schule kann alle denkbaren Anti-Mobbing-Regeln erlassen und dennoch eine Kultur hervorbringen, in der Herabsetzung und Ausschluss alltäglich werden.

Auch hier gilt das bioagogische Axiom: In jeder Umgebung geschieht, was der Umgebung angemessen ist. Eine Vertrauensschule entzieht solchen Entwicklungen einen wesentlichen Nährboden. Wer einen Schlüssel erhält, bekommt nicht nur Zugang, sondern eine Botschaft: Du bist einer von uns. Dieser Ort gehört auch dir. Wir rechnen mit dir, nicht mit deinem Versagen. Wer Räume mitgestaltet, Materialien selbstständig nutzt und an Entscheidungen beteiligt ist, entwickelt eine Beziehung zu seiner Umgebung. Aus Benutzung wird Zugehörigkeit, aus Zugehörigkeit Verantwortung.

Das gilt ebenso für die Beziehungen untereinander. Wo junge Menschen nicht bloss Objekte der Aufsicht sind, sondern Mitglieder einer Gemeinschaft, werden sie für deren soziale Qualität mitverantwortlich. Sie lernen, Konflikte nicht sofort an eine übergeordnete Instanz abzugeben, sondern sie anzusprechen, auszuhandeln und – wo nötig mit Unterstützung – zu bearbeiten. Sie erfahren: Wenn jemand ausgeschlossen oder verletzt wird, betrifft das nicht nur das Opfer und die Aufsichtsperson. Es betrifft unsere gemeinsame Welt.

Schwere mutwillige Zerstörungen und eine verfestigte Kultur des Mobbings werden deshalb in einer konsequent gestalteten Vertrauensschule deutlich unwahrscheinlicher. Nicht weil ihre jungen Menschen die besseren Menschen wären. Auch dort gibt es Wut, Rivalität, Verletzungen, Grenzüberschreitungen und Fehlentscheidungen. Der Unterschied liegt darin, dass diese Erfahrungen früher sichtbar werden und innerhalb tragfähiger Beziehungen bearbeitet werden können. Die Gemeinschaft wartet nicht, bis sich aufgestauter Druck in Gewalt entlädt. Sie schafft Gelegenheiten, gehört zu werden, Einfluss zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen und entstandenen Schaden wiedergutzumachen. Wir sprechen nicht von Strafen, sondern von der «Reparatur von Normbrüchen».

Eine Vertrauenshaltung zeigt sich gerade darin, wie eine Gemeinschaft mit enttäuschtem Vertrauen umgeht. Sie reagiert nicht sofort mit einem allgemeinen Entzug: Weil eine Person das Vertrauen missbraucht hat, werden nun alle wieder kontrolliert. Sie fragt, was geschehen ist, wer betroffen ist, wie der Schaden wiedergutgemacht werden kann und was die Umgebung daraus lernen muss. Konsequenzen bleiben möglich und manchmal notwendig. Doch sie dienen der Wiederherstellung von Verantwortung und Beziehung, nicht der Rückkehr zu einem System des Generalverdachts.

Eine Vertrauensschule garantiert keine Welt ohne Zwischenfälle. Aber sie schafft eine Umgebung, in der Menschen weniger Anlass haben, den gemeinsamen Raum oder einander zu beschädigen. Denn was mir anvertraut wird, ist mir nicht gleichgültig. Was ich mitgestalten kann, muss ich nicht zerstören, um meine Wirksamkeit zu spüren. Und wo ich dazugehöre, brauche ich andere nicht kleinzumachen, um selbst einen Platz zu finden.

So zeigt sich das Paradoxon in seiner ganzen Schärfe: Die Kontrollschule versucht, Zerstörung durch Ausschluss, Überwachung und Verschluss zu verhindern – und kann damit jene Entfremdung verstärken, aus der Zerstörung entsteht. Die Vertrauensschule geht das Risiko ein, ihre Türen zu öffnen – und schafft gerade dadurch die Beziehung, die diese Räume wirksamer schützt als jedes Sicherheitsschloss.

Vertrauen bedeutet, Menschen zunächst als verantwortungsfähige Wesen anzusprechen und ihnen Gelegenheiten zu geben, diese Fähigkeit zu entwickeln. Eine Schule kann von jungen Menschen keine Selbstständigkeit verlangen und ihnen zugleich jeden selbstständigen Zugang verwehren. Sie kann Verantwortung nicht lehren, indem sie alle Verantwortung bei den Erwachsenen behält. Und sie kann Vertrauen nicht als Wert verkünden, während ihre Türen das Gegenteil erzählen.

Können wir sicher sein, dass mit dem Schlüssel niemals etwas geschieht, das wir nicht wollen? Nein, die Frage ist eine andere: Welche Menschen helfen wir durch unsere Umgebung hervorzubringen? Menschen, die warten, bis ihnen jemand eine Tür öffnet? Menschen, die sich korrekt verhalten, solange sie beobachtet werden? Menschen, die institutionelle Grenzen als unveränderlich hinnehmen? Oder Menschen, die einen Schlüssel in die Hand nehmen und verstehen: Dieser Raum ist mir anvertraut. Ich darf ihn öffnen. Ich darf ihn nutzen. Und ich bin mitverantwortlich dafür, dass er auch anderen offensteht.

Das ist die wirkliche Bedeutung des Schlüssels. Er verschafft nicht einfach nur Zutritt zu einem Gebäude. Er eröffnet die Erfahrung: Du gehörst dazu. Wir trauen dir etwas zu. Dein Handeln zählt. Eine kontrollierende Schule besitzt womöglich mehr Sicherheitsschlüssel. Eine vertrauende Schule aber gibt jungen Menschen einen Schlüssel zu den Räumen – und damit vor allem auch zu sich selbst.

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