Bei Banken lautet die bekannte Formel «too big to fail»: Sie sind so gross und so eng mit dem ganzen System verflochten, dass man sie nicht untergehen lassen kann. Der Staat muss sie retten – koste es, was es wolle. Bei der Schule stellt sich inzwischen eine noch beunruhigendere Frage: Ist sie vielleicht bereits «too big to bail» – so gross, so kompliziert und so sehr mit Vorschriften, Zuständigkeiten und Gewohnheiten beladen, dass die üblichen Rettungsmassnahmen nicht mehr greifen?
Die Frage mag provokativ klingen. Doch die Zahlen des ersten KidsHealthCH-Berichts des Bundesamts für Gesundheit in der Schweiz sind es ebenfalls.
2022 fühlte sich rund ein Drittel der 11- bis 15-Jährigen durch die Arbeit für die Schule gestresst. Über den Zeitraum von 1994 bis 2022 nahm dieser Anteil um 31,8 Prozent zu; besonders stark war der Anstieg seit 2018. Sieben Prozent der Jugendlichen berichteten, mindestens zweimal monatlich in der Schule gemobbt worden zu sein, drei Prozent erlebten dies online. Zwischen 2018 und 2022 stieg schulisches Mobbing um 9,5 Prozent, Cybermobbing sogar um 70,6 Prozent. KidsHealthCH-Bericht des BAG
Auch der Körper meldet sich zu Wort. 35 Prozent der 11- bis 15-Jährigen litten 2022 mehrmals pro Woche unter Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen. Mädchen waren besonders stark betroffen. Gleichzeitig nahmen nur 20 Prozent dieser Altersgruppe ihre Selbstwirksamkeit als hoch wahr. Bei den 15- bis 24-Jährigen bezeichneten lediglich 22 Prozent ihre Kontrollüberzeugung als hoch; über den Zeitraum von 1992 bis 2022 sank dieser Anteil um 25,4 Prozent. Das BAG weist ausdrücklich darauf hin, dass Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung eng mit psychischer Gesundheit, Stressresistenz und der Fähigkeit verbunden sind, Probleme zu bewältigen.
Der Bericht beweist nicht, dass die Schule all diese Entwicklungen verursacht. Pandemie, soziale Medien, familiäre Belastungen und gesellschaftliche Unsicherheiten spielen ebenfalls eine Rolle. Aber die Schule ist jener staatlich verordnete Lebensraum, in dem Kinder und Jugendliche einen beträchtlichen Teil ihrer wachen Zeit verbringen. Wenn sie die Arbeit für die Schule als Belastung erleben, wenn Mobbing zunimmt, wenn sich Stress körperlich ausdrückt und gleichzeitig die Erfahrung schwindet, das eigene Leben beeinflussen zu können, darf sich die Schule nicht für unzuständig erklären.
Wenn die Rettung das Problem vergrössert
Die staatliche Schule reagiert auf Schwierigkeiten meist mit mehr desselben: mehr Förderprogramme, mehr Fachstellen, mehr Konzepte, mehr Kontrollen, mehr Dokumentation, mehr Qualitätsmanagement, mehr Zuständigkeiten und natürlich mehr Geld. Für jedes neue Problem entsteht ein neues Gefäss. Für jedes Gefäss braucht es Verantwortliche, Formulare, Absprachen und Evaluationen. So wird aus der Hilfe immer häufiger eine zusätzliche Belastung. Lehrpersonen verbringen mehr Zeit mit Sitzungen, Berichten und Koordination. Kinder werden abgeklärt, diagnostiziert, eingeteilt und besonderen Massnahmen zugewiesen. Schulleitungen sollen gleichzeitig pädagogisch führen, Personal entwickeln, Konflikte lösen, Vorgaben umsetzen und den geordneten Betrieb garantieren. Behörden versuchen, Qualität durch Standards und Kontrolle abzusichern – und produzieren dabei immer neue Komplexität.
Niemand handelt in böser Absicht. Im Gegenteil: Fast alle Beteiligten wollen helfen. Gerade darin liegt die Tragik. Ein System kann von engagierten Menschen getragen werden und dennoch Bedingungen erzeugen, unter denen Kinder und Erwachsene leiden. Je offensichtlicher die Probleme werden, desto stärker versucht die Schule, ihre bisherige Form zu stabilisieren. Sie behandelt die Folgen, ohne ihre grundlegende Organisation infrage zu stellen: Jahrgangsklassen, Lektionentakt, Stoffpläne, Prüfungen, Selektion, Fremdsteuerung und die Vorstellung, dass zur gleichen Zeit für alle dasselbe geschehen müsse.
Damit wird die Schule vielleicht tatsächlich «too big to bail»: nicht zu gross, um gerettet zu werden, aber zu gross, um durch weitere Programme von oben gerettet zu werden.
Die Umgebung erzieht mit
Ein Grundgedanke der Bioagogik lautet: In jeder Umgebung geschieht, was dieser Umgebung angemessen ist. Eine von Vergleich, Zeitdruck und Bewertung geprägte Umgebung bringt angepasstes Verhalten, Konkurrenz, Vermeidung und Versagensangst hervor. Wer ständig erlebt, dass andere über Zeit, Inhalt, Tempo und Erfolg bestimmen, entwickelt kaum die Überzeugung, das eigene Lernen und Leben wirksam gestalten zu können. Dann ist es nicht erstaunlich, wenn Kinder versuchen, sich durch Rückzug, Verweigerung, Aggression oder gegenseitige Abwertung einen Rest von Einfluss zu verschaffen. Mobbing ist nie zu entschuldigen. Aber es fällt nicht vom Himmel. Es gedeiht besonders dort, wo Zugehörigkeit unsicher ist, Menschen hierarchisch eingeordnet werden und Anerkennung knapp wird.
Eine Vertrauensschule versucht es anders, setzt deshalb aber nicht einfach auf weniger Regeln. Vertrauen ist kein Laissez-faire. Es verlangt aufmerksame Erwachsene, verlässliche Beziehungen und gemeinsam verantwortete Grenzen. Wer im Lernatelier lediglich Aufsicht führt, kontrolliert Autonomie. Wer Kinder dort begleitet, ihnen etwas zutraut, sie wahrnimmt und bei Schwierigkeiten präsent bleibt, pflanzt Vertrauen.
Die Schule nicht abschaffen, sondern verwandeln
Die Antwort kann nicht darin bestehen, die staatliche Schule preiszugeben. Eine demokratische Gesellschaft braucht einen gemeinsamen, öffentlich verantworteten Lern- und Lebensraum. Aber sie muss aufhören, eine historisch überlieferte Organisationsform mit dem öffentlichen Bildungsauftrag gleichzusetzen. Die staatliche Schule lässt sich nicht als Ganzes reformieren. Sie kann sich jedoch von innen her in überschaubare, autonome Häuser des Lernens verwandeln.
In solchen Häusern arbeiten Lernbegleiterinnen, Heilpädagogen, Therapeutinnen und Schulsozialarbeitende nicht als voneinander getrennte Dienste, zwischen denen Kinder weitergereicht werden. Sie bilden gemeinsam verantwortliche Teams. Jede Person, die mit Kindern arbeitet, gehört verbindlich zu einer Lernfamilie und steht zugleich den Kolleginnen und Kollegen mit ihrer besonderen Fachkompetenz zur Verfügung.
Kinder werden so nicht separiert oder inkludiert, weil sie von Anfang an dazugehören. Sie arbeiten auf ihrem jeweiligen Entwicklungs-, Wissens- und Könnensstand. Nicht alle tun zur gleichen Zeit dasselbe, aber alle sind Teil einer Gemeinschaft.
An die Stelle des Unterrichtens tritt eine anspruchsvollere Form der Begleitung. Lernziele bleiben sichtbar. Leistungen werden gewürdigt und ernst genommen. Doch Rückmeldungen dienen dem Weiterlernen und nicht in erster Linie der Rangordnung. Kinder übernehmen schrittweise Verantwortung für ihre Vorhaben, dokumentieren ihre Fortschritte, weil sie sie zeigen wollen und erfahren, dass ihr Handeln Wirkung hat. Das wäre eine unmittelbare Antwort auf die schwindende Selbstwirksamkeit.
Rettung braucht geschützte Freiräume
Ein grundlegender Wandel lässt sich nicht durch ein neues flächendeckendes Reformprogramm verordnen. Damit würde das System nur um eine weitere Schicht von Vorschriften ergänzt. Nötig sind zunächst Schulen, die den Mut und die politische Rückendeckung erhalten, andere Wege zu gehen. Sie brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, aber Freiheit bei der Gestaltung von Zeit, Räumen, Gruppen, Rollen und Lernwegen. Die Verantwortung muss dorthin verlagert werden, wo Kinder und Erwachsene einander täglich begegnen.
Solche Pilotschulen dürfen auch – aber nicht nur – an Prüfungsresultaten gemessen werden. Ebenso wichtig sind Zugehörigkeit, körperliches und psychisches Wohlbefinden, Selbstwirksamkeit, Leistungsfreude und die Qualität der Beziehungen. Erst wenn diese Erfahrungen sorgfältig ausgewertet werden, lässt sich entscheiden, was auf andere Schulen übertragen werden kann.
Fragen wir uns nicht, wie wir die Kinder wieder dazu bringen, im bestehenden System besser zu funktionieren? Die Frage, die es zu beantworten gilt heisst: Welche Umgebung brauchen Kinder und Erwachsene, damit Lernen, Gesundheit, Verantwortung und Lebensfreude miteinander gedeihen können?
Vielleicht ist die staatliche Schule tatsächlich zu gross, um sie mit den üblichen Mitteln zu retten. Aber sie ist nicht zu gross, um sich zu verwandeln. Dazu müsste der Staat aufhören, jede Schule bis ins Einzelne steuern zu wollen. Er müsste den Bildungsauftrag sichern, Ressourcen gerecht verteilen, Kinderrechte schützen – und den Menschen vor Ort zutrauen, gemeinsam passende Lernumgebungen zu gestalten. Die staatliche Schule ist nicht «too big to save». Aber ihre überlieferte Form könnte inzwischen «too rigid to heal» sein: zu starr, um innerhalb ihrer bisherigen Denkweise wieder gesund zu werden. Gerettet wird sie deshalb nicht durch mehr vom Gleichen. Gerettet wird sie, wenn aus der verwalteten Schule ein lebendiges Haus des Lernens wird.
Die ganzen Umstände sind absolut nicht neu. Bereits vor fast 100 Jahren schrieb der ehemalige Direktor des Lehrerseminars Kreuzlingen, Willi Schohaus, in seinem Buch «Schatten über der Schule» Alle Schulnot liegt am System unserer Schule, in der Macht einer verknöcherten Tradition, der gegenüber auch der Lehrer als Einzelner ohnmächtig ist.