Kritische Würdigung des «Manifests für einen bildungswirksamen Unterricht»
Die Bildungsfachleute Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A., und Roland Stark haben ein Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht verfasst. https://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/wendepunkt-bildung-mut-zur-kurskorrektur.html
Das Manifest beginnt mit einem kaum bestreitbaren Satz: «Jedes Kind geht nur einmal zur Schule.» Darin liegt eine grosse Verpflichtung. Schule darf keine beliebige Veranstaltung sein. Sie muss Kindern und Jugendlichen jene Erfahrungen, Fähigkeiten und Grundlagen ermöglichen, die ihnen ein selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben eröffnen.
Auch einige Diagnosen des Manifests verdienen Zustimmung. Überladene Lehrpläne, eine ausufernde Administration und zentral verordnete Reformen können Lehrpersonen tatsächlich daran hindern, sich auf ihre wesentliche Aufgabe zu konzentrieren. Ebenso richtig ist die Forderung, elementare Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Argumentieren, logisches Denken, Fantasie, Kreativität und Gemeinsinn nicht dem Zufall zu überlassen. Verdienstvoll ist zudem, dass das Manifest die Verantwortung der Erwachsenen betont. Kinder haben Anspruch auf Erwachsene, die präsent sind, Orientierung geben, Ansprüche formulieren und nicht aus falsch verstandener Zurückhaltung wegschauen.
Gerade weil die Ausgangsfragen berechtigt sind, lohnt sich jedoch ein genauer Blick auf die vorgeschlagenen Antworten. Das Manifest kritisiert pädagogische Dogmen, erhebt aber gleichzeitig eine bestimmte Form von Unterricht beinahe selbst zum Dogma. «Gemeinsames und systematisches Lernen», «systematisches Üben», «Anleitung» und «verantwortungsvoller Unterricht» bilden den durchgehenden Lösungsrahmen. Damit entsteht der Eindruck, die Krise der Schule lasse sich vor allem durch eine Rückbesinnung auf einen klar geführten, lehrpersonenzentrierten Unterricht lösen. Hier liegt die Schwäche des Manifests: Es setzt Bildungswirksamkeit weitgehend mit Unterrichtswirksamkeit gleich. Doch Lernen ist umfassender als Unterricht. Kinder lernen nicht nur, wenn sie angeleitet werden, sondern auch, wenn sie beobachten, ausprobieren, scheitern, forschen, gestalten, anderen helfen, Verantwortung übernehmen und eigene Fragen verfolgen. Unterricht kann dabei hilfreich sein – aber er ist nur eine Lernform unter mehreren und nicht das Zentrum allen Lernens.
Auch der Begriff des «gemeinsamen Lernens» bleibt ungeklärt. Gemeinsames Lernen kann bedeuten, dass Menschen einander wahrnehmen, voneinander lernen, kooperieren und Verantwortung für ihre Gemeinschaft übernehmen. Es kann aber auch heissen, dass alle zur gleichen Zeit in der gleichen Klasse, am gleichen Ort im gleichen Tempo das Gleiche tun sollen. Das Erste stärkt Gemeinschaft. Das Zweite baut auf Klassenunterricht, ignoriert die Verschiedenheit der Menschen und führt fast zwangsläufig dazu, dass einige unterfordert, andere überfordert und viele zunehmend fremdgesteuert und zu oft verhaltensauffällig werden wegen fehlender Systemtauglichkeit.
Auffällig ist zudem das Menschenbild, das in der Sprache des Manifests sichtbar wird. Das Kind soll «gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet» werden. Das klingt fürsorglich, lässt das Kind aber vor allem als Empfänger erwachsener Bildungsbemühungen erscheinen. Es wird gesehen – aber sieht es auch selbst? Es wird angeleitet – aber darf es eigene Wege wählen? Es wird unterrichtet – aber kann es an der Gestaltung seiner Lernumgebung beteiligt werden?
Es geht nicht darum, wie wir Kinder wirksamer unterrichten. Viel wichtiger ist für mich die Antwort auf die Frage: Wie schaffen wir Umgebungen, in denen Kinder und Jugendliche zunehmend selbstständig, gemeinsam und verantwortlich lernen können?
Aus meiner Sicht und Erfahrung müsste das Recht des Kindes weiter gefasst werden. Es ist nicht einfach ein Recht auf guten Unterricht, sondern ein Recht auf eine bildungswirksame Lernumgebung. Dazu gehören klare Ansprüche und systematisches Üben ebenso wie Lernateliers, Lernmarktplätze, Werkstätten, Gespräche, kulturelle Erfahrungen, selbstorganisierte Lernzeiten und die Mitgestaltung des gemeinsamen Lebens. Wo gezielte Anleitung notwendig ist, findet sie statt. Wo eigenes Erforschen wirksamer ist, tritt die Lehrperson zurück, ohne ihre Verantwortung aufzugeben.
Auch die Kritik an den Pädagogischen Hochschulen bleibt zu pauschal. Zweifellos brauchen diese einen engen Austausch mit der Schulpraxis. Praxisnähe darf jedoch nicht bedeuten, lediglich vertraute Unterrichtsformen zu reproduzieren. Hochschulen müssen auch die Aufgabe haben, Routinen kritisch zu hinterfragen, neue Erkenntnisse einzubringen und künftige Lehrpersonen auf eine heterogene und sich wandelnde Gesellschaft vorzubereiten. Nicht jede Reform ist sinnvoll – aber auch nicht jede Rückkehr zum Bewährten führt in die Zukunft.
Der für mich problematischste Satz ist: «Der Sinn der Schule liegt im Pädagogischen. Darum steht die Pädagogik im Mittelpunkt.» Hier wäre zu widersprechen. Im Mittelpunkt sollte weder die Pädagogik noch der Unterricht stehen, sondern das Leben, das Lernen und die Entfaltung der Menschen. Pädagogik (wörtl. Knabenführung) ist ein historisch geprägtes Konzept der Führung des Kindes. Bioagogik (wörtl. Lebensführung) fragt umfassender nach der Begleitung des Menschen bei seiner Lebensführung – unabhängig vom Alter und ohne ihn zum Objekt einer erzieherischen Absicht zu machen.
Das Manifest ist durchaus ein wertvoller Weckruf, aber noch kein überzeugender Zukunftsentwurf. Es benennt reale Fehlentwicklungen, bleibt in seinen Antworten jedoch stark einer restaurativen Unterrichtslogik verpflichtet. Es möchte die Schule vom Reformdruck befreien, ohne die Grundform der Schule selbst zur Diskussion zu stellen. Die eigentliche Neuausrichtung müsste weiter gehen: weg von der Frage, wie wir alle Kinder noch wirksamer unterrichten, hin zur Frage, wie wir jedem Kind wirksames Lernen ermöglichen. Das kann Unterricht einschliessen, überschreitet ihn aber zugleich.
Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Gerade deshalb dürfen wir ihm nicht nur guten Unterricht versprechen. Wir müssen ihm eine Umgebung ermöglichen, in der es gesehen wird und selbst sehen lernt, in der es Anleitung erhält und eigene Wege gehen kann, in der es grundlegende Fähigkeiten erwirbt und zugleich entdeckt, wer es ist, was es leisten darf und wofür es Verantwortung übernehmen möchte.