Gedanken zum Weltkindertag am 20. September 2026
Am 20. September begeht Deutschland den Weltkindertag. Er steht 2026 unter dem Motto „Starke Kinder, starke Zukunft!“ UNICEF Deutschland und das Deutsche Kinderhilfswerk fordern Politik und Gesellschaft zu Recht auf, die Rechte junger Menschen zu achten, sie zu schützen und ihre mentale Gesundheit zu stärken.
Kinder können jedoch nur stark werden, wenn wir Erwachsenen es auch sind.
Vor einigen Wochen führten zwei Lehrer an einem deutschen Gymnasium eine kleine, in keiner Weise repräsentative Umfrage durch. Sie stellten ihren Schülerinnen und Schülern anonym die Frage: Wer von euch wäre bereit, für Deutschland in den Krieg zu ziehen?
Nur drei Prozent wären bereit dazu. Die beiden Lehrer trauten sich nicht, das Ergebnis zu veröffentlichen. Sie befürchteten, in eine „falsche Ecke“ gestellt zu werden. Dabei ist das Resultat keine wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnis. Dafür ist die Befragtengruppe zu klein. Aber sie wäre ein Anlass gewesen, genauer hinzuhören: Was verbinden junge Menschen denn heute mit ihrem Land? Was bedeutet ihnen Freiheit? Wovor haben sie Angst? Was wären sie zu verteidigen bereit – und mit welchen Mitteln? Was macht sie stark?
Hier hätten Erwachsene Stärke zeigen können indem sie die Rückmeldungen öffentlich zur Diskussion stellen und den möglichen Gegenwind aushalten.
Dass die Lehrer dies nicht wagten, müsste uns mindestens ebenso nachdenklich machen wie die drei Prozent. Wenn selbst Lehrpersonen Angst haben, die Stimmen junger Menschen hörbar zu machen, weil diese nicht der gegenwärtig erwarteten Haltung entsprechen könnten, fehlt genau jene Stärke, die wir den Kindern wünschen. Dabei sollte doch eine Schule Mutort sein, an dem auch unbequeme Gedanken ausgesprochen, geprüft und gemeinsam bedacht werden dürfen. Wer Kinder zur Stärke erziehen will, muss ihnen diese Stärke vorleben.
Besonders betroffen gemacht hat die Zusatzantwort einer Schülerin: „Lieber Putin im Garten als meinen Freund auf dem Friedhof.“
Man kann diesen Satz vorschnell als naiv oder gar als Zustimmung zu Putin abtun. Damit würde man sich jedoch um seine eigentliche Botschaft drücken. Die junge Frau sagt in keiner Weise, dass sie Putin will. Sie behauptet auch nicht, dass Freiheit unwichtig sei. Sie stellt zwei Bedrohungen nebeneinander, die für sie nicht dasselbe Gewicht haben.
Putin im Garten wäre eine Gefahr. Ihr Freund auf dem Friedhof hingegen wäre endgültig. Mit ihm könnte sie nie mehr sprechen, nie mehr lachen, nie mehr streiten und keine gemeinsame Zukunft mehr entwerfen. Keine spätere politische Wende und kein errungener Sieg könnten ihn ins Leben zurückholen.
Diese Endgültigkeit nimmt die junge Frau ernster als viele Politiker, die über Kriege sprechen. Für Strategen werden Menschen leicht zu Zahlen, Truppenstärken oder notwendigen Opfern. Für die junge FRau aber ist der mögliche Soldat ihr Freund, ein unverwechselbarer Mensch, dessen Leben durch kein nationales Pathos ersetzt werden kann.
Der Satz der jungen Frau enthält eine moralische Wahrheit, die in den grossen Debatten älterer Männer allzu leicht verloren geht: Das Leben eines Menschen ist kein vorläufiger Wert. Sein Tod ist endgültig.
Die Stärke dieser Schülerin besteht darin, dass sie etwas ausspricht, was in der gegenwärtigen Diskussion schnell als unpassend oder naiv gilt. Sie wagt es, der Logik von Macht, Verteidigung und Opferbereitschaft die Einmaligkeit eines geliebten Menschen entgegenzuhalten.
„Starke Kinder, starke Zukunft!“ verlangt als Voraussetzung starke Erwachsene in der Gegenwart: Erwachsene, die mutig genug sind, frei zu denken; die Widerspruch nicht fürchten, die willens und stark sind aufzustehen, wenn ihr Gewissen es verlangt; und die den Stimmen junger Menschen Raum geben, selbst wenn diese nicht in die gewünschte politische Ecke passen. Kinder lernen Stärke nicht durch unsere Wünsche. Sie lernen sie an unserem Beispiel. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass das hoffnungsvolle Motto der UNICEF in Erfüllung gehen möge.