Haben Sie das auch entdeckt: Die Eigenschaft, die den Menschen am deutlichsten auszeichnet, ist nicht seine Fähigkeit zu lernen. Diese teilt er mit allen Lebewesen dieser Erde sein ganzes Leben lang. Er braucht nicht das Lernen zu lernen. In besonderem Masse zeichnet ihn vielmehr seine Fähigkeit zu lehren aus: Er kann bewahren, weiterentwickeln und weiterdenken, was andere vor ihm erfahren, erkannt und ihn gelehrt haben.
Seit vielen Generationen hat sich die Schule dabei weitgehend auf die anspruchsloseste Form des Lehrens verlassen: das abhängige Lernen durch Beibringen eines Wissenden an einen Unwissenden. Diese Beibringindustrie ist heute noch in vielen Schulen institutionalisiert. Erwachsene bestimmen, was Kinder wann, wie und in welchem Tempo lernen sollen. Kinder haben aufzunehmen, was andere für sie ausgewählt haben. Geprüft wird anschliessend, ob sie das Vorgegebene ausreichend wiedergeben können. Wenn dann die PISA-Ergebnisse gut sind, ist die Schule gut.
Mit den neuen digitalen Möglichkeiten kann diese in gewisser Weise simple Form des Lehrens zunehmend an Maschinen delegiert werden. Digitale Systeme und künstliche Intelligenz können Informationen bereitstellen, Zusammenhänge erklären, Übungen anbieten und Rückmeldungen geben. Ich nenne diese Form Lehren erster Ordnung (einfaches Lehren): Wissen wird vermittelt, eingeübt und abgefragt.
Wenn wir nun – dank KI – einen Grossteil dieser Aufgaben Maschinen überlassen, gewinnen wir Zeit für das lange vernachlässigte Lehren zweiter Ordnung (entfaltetes Lehren). Es geschieht ausschliesslich durch unsere Haltung und unser Verhalten, durch die Beziehungen, die wir gestalten, und durch die Entscheidungen, an denen wir Kinder teilhaben lassen.
Für dieses entfaltete Lehren müssen wir uns darin üben, unser eigenes Verhalten als Lehrende zu reflektieren, zu verändern und unsere Entscheidungen für Kinder nachvollziehbar zu machen. Das ist die neue Professionalität.
Das Lehren zweiter Ordnung besteht im Vorleben. Es ist Beziehungslehren, indem wir verlässliche und respektvolle Beziehungen gestalten. Es ist Empathielehren, indem wir aufmerksam wahrnehmen, was andere bewegt. Es ist Konfliktlösungslehren, indem wir Verschiedenheit aushalten und Konflikte fair bearbeiten. Es ist Verantwortungslehren, indem wir selbst Verantwortung übernehmen und zugleich anderen etwas zutrauen.
Es ist ebenso Vertrauenslehren, indem wir Vertrauen schenken, bevor es verdient werden muss; Entscheidungslehren, indem wir Entscheidungen nicht abnehmen, sondern ermöglichen; und Freiheitslehren, indem wir zeigen, dass Freiheit stets mit Verantwortung verbunden ist. Es ist Fehlerlehren, indem wir eigene Irrtümer benennen und Fehler als Anlass zur Entwicklung nutzen. Es ist Mutlehren, indem wir auch unter Unsicherheit handeln, und Grenzenlehren, indem wir ein begründetes Nein aussprechen und das Nein anderer respektieren.
Hinzu kommen Kooperationslehren, indem wir gemeinsam Lösungen suchen; Gerechtigkeitslehren, indem wir nicht alle gleich behandeln, sondern jedem gerecht zu werden versuchen; Versöhnungslehren, indem wir nach Verletzungen neue Anfänge ermöglichen; und Demokratielehren, indem wir Macht teilen, unterschiedliche Stimmen hören und gemeinsam tragfähige Entscheidungen treffen.
Eine KI kann Informationen über Beziehungen, Empathie, Verantwortung oder Gerechtigkeit vermitteln. Sie kann Beispiele geben, Fragen stellen und mögliche Entscheidungen aufzeigen. Sie kann diese Haltungen jedoch nicht glaubwürdig vorleben. Dazu braucht es uns als Menschen, die sich berühren lassen, Verantwortung übernehmen, mit den Folgen ihres Handelns leben und bereit sind, sich in der Begegnung selbst zu verändern.
Das Lehren zweiter Ordnung bedeutet, Kindern zu ermöglichen, bereits in der Gegenwart eigene Entscheidungen zu treffen und deren Folgen zu verantworten. So halten wir ihnen die Zukunft offen.
Lehrende als Entscheidungsbegleiter
Ein «guter» Lehrer – wenn wir bei diesem Begriff bleiben wollen – ist deshalb vor allem ein talentierter, beziehungsbegabter Entscheidungsbegleiter. Er entscheidet nicht anstelle des Kindes, sondern hilft ihm, Möglichkeiten und deren Folgen zu erkennen. Er gibt Orientierung, ohne den Weg vollständig vorzugeben. Er schützt, ohne zu entmündigen, und unterstützt, ohne abhängig zu machen. Er begleitet, lässt teilhaben, gibt Zeit, zu erfahren, regt an und motiviert vor allem sich selbst.
Um sich darin zu festigen und das Lehren zweiter Ordnung zu festigen, soll es die pädagogischen Hochschulen geben, denn unter diesen Prämissen ist es wichtig, einen Ort zu haben, an dem die Rolle der Lehrenden – vor allem in Bezug auf das Lehren zweiter Ordnung – professionalisiert werden kann.
Nicht mehr die möglichst wirksame Vermittlung vorgegebener Inhalte steht im Zentrum, nicht die Unterrichtsdidaktik, sondern die Gestaltung einer Umgebung, in der Kinder lernen, ihr Leben und Lernen zunehmend selbst zu führen. Eine solche Umgebung braucht keinen Unterricht, der für alle gleichzeitig dasselbe vorgibt. Vorbildsein braucht Gelegenheiten im gemeinsamen Alltag.
Wie schaffen wir solche Lernorte, an denen Kinder und Erwachsene gemeinsam gedeihen können und an denen die Gegenwart der Anfang der Zukunft ist, dieser Anfang, dem «ein Zauber innewohnt»?
In der Schmetterlingsakademie gehen wir diesem Lehren nach und laden Dich ein, dabei zu sein.