Der Kanton Thurgau plant die Erweiterung des Campus BBZ Weinfelden. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar: Die Bevölkerung wächst, die Zahl der Lernenden nimmt zu, der Platz wird knapp. Zusätzliche Räume müssen bereits heute ausserhalb des Campus angemietet werden. Hinter dieser Begründung steckt ein Problem: Die Planung geht davon aus, dass die Berufsschule der Zukunft im Wesentlichen gleich funktionieren wird wie die Berufsschule der Gegenwart: mehr Lernende bedeuten mehr Klassenzimmer, mehr Unterrichtsräume, mehr Infrastruktur für ein Modell, das seit Jahrzehnten nahezu unverändert besteht. Diese Annahme ist nicht mehr haltbar und sie zeigt, dass offenbar kein Verantwortlicher in die Zukunft blickt oder wenn er dies tut, ein Mehrdesselben will. Für Optimierungen wird viel zu viel Geld eingesetzt, weil ein innovativer Blick fehlt.
Nicht nur die berufliche Bildung steht vor einem Umbruch, der tiefgreifender ist als alle Reformen der vergangenen Jahrzehnte. Künstliche Intelligenz verändert nicht einfach Werkzeuge. Sie verändert die Bedingungen des Lernens selbst. Berufsschulen entstanden in einer Zeit, in der Wissen knapp war. Wer lernen wollte, musste dorthin gehen, wo sich Bücher, Fachpersonen und Informationen befanden. Unterricht war die übliche Form, Wissen an viele Menschen gleichzeitig weiterzugeben.
Heute ist Wissen jederzeit verfügbar. Eine lernende Person trägt mit ihrem Smartphone mehr Fachwissen mit sich, als früher in ganzen Schulbibliotheken vorhanden war. Moderne KI-Systeme erklären Zusammenhänge, beantworten Fragen, erstellen Übungen, simulieren Situationen, geben unmittelbare Rückmeldungen und passen sich dem individuellen Lernstand an. Damit verliert der klassische Unterricht seine zentrale Funktion.
Es wird also nicht merh darum gehen: «Wie bringen wir Wissen zu den Lernenden?» Wir müssen uns der Frage stellen «Wie organisieren wir Lernen in einer Welt, in der Wissen überall verfügbar ist?» Die Antwort darauf kann nicht lauten, einfach mehr Schulzimmer zu bauen. Die berufliche Bildung der Zukunft wird dezentral organisiert sein. Lernende werden in kleinen Teams arbeiten. Sie werden ihren Lernort weitgehend selbst wählen und ihren theoretischen Lernprozess eigenverantwortlich gestalten. Unterstützt werden sie dabei von KI-Systemen, digitalen Lernplattformen und ihren Peers.
Der Ort der Berufsschule verändert sich dadurch grundlegend. Die Berufsschule wird vom Unterrichtsgebäude zum Begegnungsort. Hier treffen Lernende auf Fachpersonen, Unternehmerinnen, Handwerker, Ingenieurinnen und Praktiker. Hier werden Projekte vorgestellt, Probleme diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Netzwerke aufgebaut. Hier entsteht das, was künstliche Intelligenz nicht ersetzen kann: menschliche Resonanz, Inspiration, Verantwortung und Gemeinschaft.
Die Berufsschule wird zum Lernhaus, zum Innovationshub, zum Kompetenzzentrum einer Region. Wer heute einen Campus plant, muss deshalb nicht nur die Zahl der Lernenden berücksichtigen, sondern die Frage beantworten, welche Räume Lernen künftig überhaupt benötigt. Die grösste Gefahr besteht darin, dass wir Millionen investieren, um ein auslaufendes Modell zu perfektionieren. Während die Technologie die Wissensvermittlung individualisiert und dezentralisiert, planen wir weiterhin Gebäude für frontalen Gruppenunterricht. Das erinnert mich an den Ausbau von Postkutschenstationen kurz vor der Erfindung der Eisenbahn. Die Politik muss nicht lernen, die Vergangenheit effizienter zu verwalten. Ihre Aufgabe würde darin bestehen, Zukunft zu gestalten. Aber exakt dazu ist sie nur insofern in der Lage, als das Bestehende optimiert wird. Innovationen können wir hier nur beschränkt erwarten. Daher bräuchte der Kanton Thurgau nicht einfach einen grösseren Berufsschulcampus. Er bräuchte den Mut von Menschen, die berufliche Bildung vom Zeitalter des Unterrichts in das Zeitalter des selbstverantworteten Lernens führen. Wie ein Lernalltag aussehen könnte, beschreibe ich in einem nächsten Text.
the next organization will not be organized. – das gilt auch für die organisation des lernens, was ja immer schon eine organisation des zerstörens nov lernen war. oder 2ie hast du das jeweils genannt?
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